Der Schrei – Ein Brief an den Täter nach einer Konfrontation

Liebe Lisa,*

ich möchte zu dem was gestern passiert ist noch ein paar erklärende Worte hinzufügen.

Es war nicht unsere Absicht dich zu „verprügeln“ oder dass du das so empfindest (x bezeichnete es so). Unsere Absicht war, dir zu zeigen, was der Schmerz mit uns anrichtet, dich zu einer Reflektion anzuregen (was ist da los, wenn es so weit kommen muss?), zu verhindern, dass das nochmal jemandem passiert.
Ich zumindest glaube, dass du (vielleicht mit Hilfe einer Therapeutin) in der Lage bist das zu reflektieren, dass du ein besonderer Mensch bist, der es verdient hat das zu tun und sich durch sein Verhalten nicht selber Leid zufügen sollte.
Du kennst die Theorie. Mit niemandem hab ich so grosze und schöne Träume gehabt, wie mit dir. Ich möchte, dass du/wir es schaffen den Schmerz loszulassen irgendwann und unsere Träume Realität und Praxis werden.

[…]
Ich habe meine sexuellen Grenzen am Mittwoch durch dich deutlich überschritten gesehen. Ich fühlte mich durch dein Verhalten, wie auch schon zuvor in unserer Beziehung, emotional dazu erpresst mit dir zu schlafen. Wie Nähe ohne genitale Sexualität, wie Zärtlichkeit?
Wenn du dich der Nähe verweigert hattest, die ich brauchte, gab es immer nur einen Weg sie zu bekommen: dich „geil zu machen“ und dann war es recht sicher, dass deine Aufmerksamkeit auf mich gerichtet ist. So war es mein Gefühl.
Das hab ich immer wieder geschluckt. Nur als Einzelfälle gesehen. Mein Unbehagen nicht ernst genommen.
Am Mittwoch ging es mir nach der Situation ziemlich schlecht. Ich hab das nicht sofort zeigen können. Ging aber davon aus, dass du mich soweit einschätzen könntest.
Nachdem du dann sagtest ich solle zur Nachhilfe gehen oder dürfe nicht bei dir bleiben, hab ich dann ja auch klar gesagt, dass mir etwas nicht passt. Geholfen hat es nicht mehr. Ich sah mich wiederrum emotional erpresst und verscheucht, wo ich doch eigentlich das Bedürfnis hatte bei dir zu sein und mich durch die Nähe und ein Gespräch mit dir von meinem Leid zu erholen.

Nach einem Gespräch mit x, war mir dann klar, dass ich dir von dieser Situation erzählen möchte und eine gemeinsame Reflektion mir helfen könnte.
Darum habe ich dich ja dann gebeten. Noch am Freitag hast du dies dann ja verweigert. Bei mir stellte sich unwillkürlich das Gefühl ein, der Kontrolle über diese Situation beraubt zu werden, denn für mich war es nicht Ziel dich komplett aus meinem Umfeld zu kicken. Nein, ich hatte als Betroffene das klare Bedürfnis dir zumindest von meiner Wahrnehmung der Situation zu erzählen.
Um wieder eine gewisse Kontrolle zu bekommen und nicht ertragen zu müssen, dass du noch in meinem Umfeld stehst, habe ich dich gebeten […] meine nähere Umgebung zu verlassen. Dem bist du vorerst nicht nachgekommen. Ich musste die Kraft sammeln es dir wiederholt nahezulegen (eine Unterstützer_innengruppe hatte ich nicht, denn wer sollte das auszer mir selbst sein?).
Daraufhin hast du mir einen Text geschrieben. Voll von Vorwürfen, die du nun ausgerechnet in dieser Situation hervorbrachtest. Zwar sprachst du dich davon frei, damit dein Leid gegen meines aufwiegen zu wollen, aber eine erneute Manipulation und „Erpressung“ war das für mich schon.
Du hast mir darin angeboten, DEINE Wahrnehmung der Situation zu schildern zu einem Zeitpunkt an dem DU dazu bereit bist – wer von uns hat dann die Kontrolle? Ich als Betroffene?
Du hast mich gefragt ob ich nun immernoch wolle, dass du […] mein Umfeld verlässt und mir ansonsten „den Mund verboten“. Und ja, ich habe gezweifelt. Dazu hättest DU mich nicht bringen sollen, sondern einfach akzeptieren, was mein Bedürfnis ist.

Ich habe versucht dir weitere Chancen zu geben und auch meine Bedürfnisse durch eine gewisse Kontrolle der Situation zu erfüllen. Darauf hast du gar nicht reagiert. Nichtmals auf die Frage danach, ob du es bekommen hast.

Mein Schmerz war endlos und dumpf. Ich habe nicht geweint, nicht darüber geredet, sondern nur geschluckt. Lila [sein anderes Opfer] war die einzige Person durch die ich mich noch irgendwie verstanden fühlte. Ich habe hier nur vor mich hinvegetiert und gehofft, dass einmal – nur ein einziges Mal – nach solch einer Sache wieder alles gut würde.

Dann hat x mir erzählt, dass du sie gefragt hast, ob du zum xx kommen kannst. Dass im xx niemand sein würde, der_die sich hinter mich stellen würde/könnte hast du scheinbar vergessen und bist dann auch ohne mein Einverständnis in mein Umfeld, meinen von mir eingeforderten Schutzraum eingedrungen.
Wo habe ich da noch die Definitionsmacht? Ich habe klare Forderungen gestellt und denen bist du nicht bis in die letzte Konsequenz nachgekommen.
Schmerz hat mich überrannt. Plötzlich konnte ich die Tränen nicht mehr schlucken.

Wie konnte ich nun meinen Schmerz, meine Wut, mein Leid als Betroffene verringern? Wie die Kontrolle (wieder)herstellen?

Ich habe in Lila eine Person gefunden, die sich diese Fragen schon länger stellt und die auch nach einem Jahr noch darunter leidet, dass sie keine Antwort finden konnte. Allein wär ich vor dir und unter meinem Schmerz zusammengebrochen.
Wir haben uns überlegt, was wir tun können, sind verschiedene Situationen immer wieder durchgegangen und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir endlich einmal unseren Schmerz herausschreien müssen – jede anders, jede auf ihre Weise, aber eben gemeinsam.

Ich liebe dich.

*bei Lisa handelt es sich um eine Transfrau.