Rauschgift.

Ich habe beschlossen unsere Beziehung und meine Gefühle dazu nochmal im Gesamtbild anzuschauen. Die schönen Seiten, die Fehler, die Schmerzen.

Vieles erscheint mir jetzt so winzig klein. Viele meiner Reaktionen, kann ich nicht mehr verstehen. Warum habe ich all diese kleinen Dinge zum Desaster gemacht und diese groszen immer verschluckt? Warum habe ich nicht begriffen, dass ich aus einer für mich sehr stabilen Position total aus- und einbreche? Ich habe alle Mechanismen aktiviert, die mir beim Verdrängen helfen konnten. Ich bin dünn geworden. Ich habe wieder begonnen Kalorien zu zählen. Die Magersucht hat meinen Alltag so überschattet, dass ich seltener an das Schreckliche denken musste, was sie mir angetan haben. Erst viel zu spät habe ich begriffen, dass mein abgemagerter Körper, doch nur die Schreie meiner erstickten Stimme nach auszen tragen soll. Erst viel zu spät schrieb Lila in einem Chat-Gespräch: „Ich kenne die Wahrheit, seht mich an, mein Körper ist eure Leinwand, ihr habt euch in mir verewigt.“ Ja, es ist nicht meine Kunst, sondern eure! Täter!
Jetzt beginne ich wieder meine Stimme zu erheben. Sie wird immer lauter werden. Denn ich will nicht sterben, nur weil ihr mir das Maul stopft!
Ich will nicht sterben – warum habe ich mich daran und an die Konsequenzen, die ich hätte ziehen müssen, nicht früher erinnert? Ich habe es doch schon im Sommer begriffen, als ich schlaflose Nächte auf der Intensivstation verbrachte, weil ich den Schmerz nicht mehr aushielt.
Vielleicht war es in kleinen Momenten zu schön, um es wahr haben zu wollen. Vielleicht war ich einfach nur zu abhängig von dieser Beziehung, von Lisa.
Lila glaubt, dass Lisa wie meine Essstörung ist. „Sie macht dich kaputt und du wirst daran verrecken, wenn du sie nicht loswirst, aber irgendwie brauchst du sie auf eine kranke Art und Weise.“

Ich beginne mir Schuldvorwürfe zu machen.
„Ich möchte mir das Verzeihen. Ich wurde gebogen und gebrochen. Ja, SIE haben mich zerbrochen. Ich trage keine Schuld.“, sage ich immer wieder leise vor mich hin. Ein wenig glaube ich mir das sogar.

…Obwohl ich den ganzen Tag im Bett lag, merkte ich Abends als ich aufstand, wie sehr es an meinen Kräften gezehrt hatte, über diese Beziehung nachzudenken. Wieder fühlte ich mich allein, sehnsüchtig, verletzt, abhängig. Mein Schädel dröhnte und mir war schlecht.

Ich weisz jetzt aber wie ich da ein bisschen besser rauskomme: Ich rede mit einer gewissen Distanz mit vertrauten Personen über die Situation, lasse mich aber nicht in ihre Arme fallen, lehne mich an, lasse mich stützen, aber nicht tragen. Ich schreibe auf, was ich fühle. Ich höre gute Musik und umgebe mich mit Menschen, die an die Kraft in mir glauben, aber negative Gefühle nicht klein reden.

Und vielleicht werde ich irgendwann glücklich sein.