Versuch einer Selbstreflektion (eventuell Essstörungs-Trigger!)

Ich kann nun stolz sein. Sagen sie. Ich bin stolz. Antworte ich. Denn ich habe nun endlich etwas geschafft. Überhaupt zum ersten Mal etwas zu Ende gebracht.
Aber ich kann nicht stolz sein. Ich habe verlernt mich über Dinge zu freuen bei denen ich nicht die Beste sein kann. Ich kann nicht einmal die Dünnste sein. Nicht einmal hungern kann ich.
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Seit Tagen verbringe ich nun meine Zeit hinter verschlossenen Türen. Meistens im Bett. Ich kann nicht einkaufen gehen, nicht das Gesicht in die Sonne strecken, nicht Tabak holen gehen, nicht … nichts eben! Ich möchte keine Menschen treffen, die versuchen könnten in mich hinein zu blicken. Keine langen Gespräche führen. Lieber nur ein paar Minuten Kaffee schlürfen und dann weiter.
Aber scheinbar soll es auch das nicht sein. Der Kaffee zwischendurch will nicht mit mir verbracht werden. Versucht hab ich es auch nicht wirklich.
Und die Menschen, die mich nicht durchschauen? Ebenfalls erfolglos. Bestenfalls traue ich mich nicht einmal sie nach einem Kaffee zu fragen.
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Es bleibt das Internet. Ein paar oberflächliche Chatgespräche. Mir geht’s okay. Viel zu tun. Keine Details.
Im Internet finde ich vor allem eine wieder: die Magersucht (wie oft ich dieses Suchwort nun wohl schon eingegeben habe?). Betroffenengeschichten, Reportagen, Informationsseiten, Bilder, Foren. Kenne ich alles schon. Ja, auswendig.
Dann das Suchwort: Pro Ana. Ich werde schnell fündig. Grabe mich durch Blogs von sterbenden Mädchen, aber auch von Mädchen die Ana noch gar nicht kennengelernt haben, „nur“ abnehmen wollen. Bald ist mein Kopf voll von Thinspiration und Gewichtstagebüchern, von Thinlines und Ana-Rezepten. Der Weg in ein Forum ist für die ehemalige Nutzerin schnell gefunden. In meinem Essenstagebuch lüge ich. Das Gewicht, das ich angegeben habe stimmt auch nicht. Die ermutigenden Kommentare der anderen Nutzerinnen finde ich höchstens lächerlich.
Ich lese Anas Briefe und esse dabei.. Avocado, eingelegte Knoblauchzehen. Brote, Tomate, Tortellini mit Gemüse, Sprühsahne, Pudding, … den ganzen restlichen Tag über mache ich das. Irgendwann ist der Kühlschrank leer. Rebellion. (Heimlich sehne ich mich nach jemandem, der diese Rebellion bricht.)
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Die Gedankenkreise bringen mich irgendwann auf einen wiederkehrenden Wunsch: Jemand soll bemerken wie krank ich bin und mich dahin tragen wo sie mir helfen. Wo sie mir helfen ohne etwas von mir zu fordern.
„Wenn ich drogenabhängig wäre. Wenn ich Krebs hätte. Wenn ich blass wäre mit dunklen Augenrändern. Wenn ich ganz, ganz dünn wäre. Das wäre etwas anderes. Dann hätte ich Anspruch auf Hilfe. Dann würde jemand SEHEN. So sieht mich niemand. Niemand versteht, wie drogenabhängig, krebskrank, blass, augengerändert und dünn ich innerlich bin.“
Ich suche nach dem BMI ab dem von einer lebensgefährlichen Verfassung auszugehen ist: 12 ist die magische Zahl. Mein BMI lässt „nur“ von ernsthaften Folgesschäden ausgehen. Folgeschäden die irgendwann kommen. Vielleicht in zehn Jahren.
Und da stehe ich wieder zwischen Ihr und der Rebellion. Ihr und Mir.
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Was mir jetzt gut tun würde? Ein Mensch, der mich versteht, mit dem ich es zärtlich gemeinsam durchstehen könnte. Ein Mensch, dem ich mit Ihr in meinem Kopf nicht schaden kann.

Vielleicht kann das nur ich selbst sein.