Archiv für Mai 2012

Liebe Paula,

morgen früh oder in vier Tagen wirst du anfangen diese Situation jetzt zu relativieren. Deshalb schreibe ich dir.
Heute hat Mama zu mir gesagt, dass du vor einigen Jahren noch so viel besser ausgesehen hast als du mehr gewogen hast und du hast es nicht geglaubt oder nicht verstanden. Ich habe mir die ganzen alten Bilder angesehen und die neuen und war überzeugt, dass du dich eigentlich kaum verändert hast. Du hast eine andere Frisur. Etwas markantere Gesichtszüge. Aber dünn warst du da auch schon. So wie jetzt ungefähr.
Meinte Mama vielleicht noch ältere Bilder? Das kann doch irgendwie nicht sein. Ich habe immerhin Bilder der letzten sieben Jahre durchgeschaut.

Vor vier Jahren im Sommer hat Mama ein Bild von dir gemacht. Weil die Klamotten von damals immernoch in deinem Kleiderschrank liegen (du liebst sie, aber sie zeigen dir zu viel Haut), habe ich sie herausgesucht und angezogen und nochmal ein Foto von dir gemacht.
Die Fotos habe ich nebeneinander auf dem Bildschirm geöffnet und auf den selben Ausschnitt gezoomt.
Es folgt ein riesiger Schock. Ich kann gar nicht beschreiben wie sprachlos du warst. Die kurze Hose, die mal eng anlag, steht nun zu allen Seiten ab, wirft einen Schatten auf deine Oberschenkel. Sie kann nicht so sehr ausgeleiert sein. Glaub mir! Guck es dir an. Nirgendwo liegt sie so eng an. Deine Beine sind Knöchern und die Knie verschoben. Die O-Form ist viel stärker sichtbar. Du bist fast so dünn wie die dünnste Thinspiration in deiner Sammlung. Ich hab es verglichen.

Das ältere Foto wurde wenige Monate bevor du Lisa kennengelernt hast gemacht. Ich frage mich warum deine Freund_innen dir nie gesagt haben, dass du so abnimmst? Sie begleiten dich immerhin seitdem. Aber vielleicht sehen sie dich zu oft. Und du hättest ihnen nicht geglaubt.
Ich bin völlig fassungslos. Wenn ich nicht wüsste, dass es ein schädlicher Vergleich für andere wäre und dass ich es bald bereuen würde, dann würde ich die verdammten Bilder nebeneinander auf Facebook posten und „DAS macht Ana“ dazu schreiben. Es rausschreien, weil ich nicht weisz wohin damit.
Ich sehe zum allerersten Mal wie du dich verändert hast, obwohl ich millionen Male versucht habe die Veränderung zu erkennen. Ich weine um dich, Paula! Ich weine, weil ich es nie erkannt habe und vermutlich auch morgen nicht mehr erkennen werde.
Paula, guck es dir wieder an und pass auf dich auf!

Ich liebe dich!
Deine fassungslose, traurige und besorgte Paula

„Nach all dem Krankhaften, das ins Auge fällt, wenn man mit Patientinnen mit der Diagnose Magersucht zu tun hat, dürfen wir ihre Stärken nicht vergessen. Wir haben es zumeist mit Begabten zu tun, mit Sensiblen und Kreativen, auch wenn sie ihre Sensibilität oft gering schätzen und sich ihrer schöpferischen Begabungen nicht bewusst sind. Magersüchtige besitzen Würde, sind stolz, wirken oft zugleich wie Prinzessinnen und Kämpferinnen. “

ACHTUNG: Essstörungstrigger!

Ich mache Fotos von mir. Will sehen wie dünn ich denn nun bin. Denn die Waage sagt nur Zahlen, sagt nicht wie ich aussehe. Denn wenn die Psychiater wegen des niedrigen BMIs schon vom Sterben reden, reden andere noch davon, dass ich gar nicht magersüchtig aussähe.
Sehe ich aus wie die dünnen Mädchen in den Dokumentationen über Magersucht? Sehe ich aus wie die Mädchen in Thinspirations? Oder bin ich noch viel mehr und es ist lächerlich diese Fragen zu stellen?

Ich mache Fotos von mir. Ein schlankes Mädchen. Niemand würde erschrecken beim Anblick dieser Bilder. Habe ich nur den Blick dafür verloren was dünn ist? Aber warum erschrecke ich dann doch immer wieder vor der Magerkeit anderer?

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man die Arme über den Kopf halten solle. Dann sähe man dünner aus. Also versuche ich das. Ich ziehe den Bauch ein. Ich spanne den Bauch an. Ich fotografiere meine Schlüsselbeine. Die Beine. Die Arme. Den Rücken. Die meisten Bilder lösche ich wieder, weil ich auf ihnen zu dick aussehe. Einige bleiben übrig. Die kann ich niemandem zeigen. Dabei würde ich gerne. Aber ich glaube mir ja selbst nicht, dass ich so dünn bin. Ich habe mich dafür gestreckt und verrenkt. Andere sind sicher von selbst so. Sie würden lachen. Ich bin einfach nicht dünn genug. Ich habe in letzter Zeit ohnehin Panik nicht mehr mit dem Essen aufhören zu können. Nicht dünn genug. Nicht dünn genug. Nein, nicht dünn genug.

(…bei so einem Blogeintrag mag die eine oder der andere denken, dass es unverschämt ist, seine Essstörung so auszubreiten und sie nicht einmal zu kritisieren. „Wahrscheinlich will Paula nur Aufmerksamkeit“, höre ich euch förmlich denken. Ich sag euch was: Das ist nur ein klitzekleiner Ausschnitt meines verdammten Anorexie-Kinos. Und ich verkneife mir Tag für Tag mit irgendwem darüber zu sprechen, irgendetwas durchschimmern zu lassen. Irgendeine Aufmerksamkeit dafür zu bekommen. Nicht etwa damit es niemand weiß. Nein, damit ich niemandem damit schade. Niemanden verletze. Niemandem zu nahe trete.
Ich will einfach nur mal darüber reden oder schreiben können. Und zwar nicht mit einem Psychologen, der mir für Geld zuhört und nicht um mir zuzuhören.)

Keine Angst vor dem Altern, sondern Freude zu überleben. :)