Liebe Paula,

morgen früh oder in vier Tagen wirst du anfangen diese Situation jetzt zu relativieren. Deshalb schreibe ich dir.
Heute hat Mama zu mir gesagt, dass du vor einigen Jahren noch so viel besser ausgesehen hast als du mehr gewogen hast und du hast es nicht geglaubt oder nicht verstanden. Ich habe mir die ganzen alten Bilder angesehen und die neuen und war überzeugt, dass du dich eigentlich kaum verändert hast. Du hast eine andere Frisur. Etwas markantere Gesichtszüge. Aber dünn warst du da auch schon. So wie jetzt ungefähr.
Meinte Mama vielleicht noch ältere Bilder? Das kann doch irgendwie nicht sein. Ich habe immerhin Bilder der letzten sieben Jahre durchgeschaut.

Vor vier Jahren im Sommer hat Mama ein Bild von dir gemacht. Weil die Klamotten von damals immernoch in deinem Kleiderschrank liegen (du liebst sie, aber sie zeigen dir zu viel Haut), habe ich sie herausgesucht und angezogen und nochmal ein Foto von dir gemacht.
Die Fotos habe ich nebeneinander auf dem Bildschirm geöffnet und auf den selben Ausschnitt gezoomt.
Es folgt ein riesiger Schock. Ich kann gar nicht beschreiben wie sprachlos du warst. Die kurze Hose, die mal eng anlag, steht nun zu allen Seiten ab, wirft einen Schatten auf deine Oberschenkel. Sie kann nicht so sehr ausgeleiert sein. Glaub mir! Guck es dir an. Nirgendwo liegt sie so eng an. Deine Beine sind Knöchern und die Knie verschoben. Die O-Form ist viel stärker sichtbar. Du bist fast so dünn wie die dünnste Thinspiration in deiner Sammlung. Ich hab es verglichen.

Das ältere Foto wurde wenige Monate bevor du Lisa kennengelernt hast gemacht. Ich frage mich warum deine Freund_innen dir nie gesagt haben, dass du so abnimmst? Sie begleiten dich immerhin seitdem. Aber vielleicht sehen sie dich zu oft. Und du hättest ihnen nicht geglaubt.
Ich bin völlig fassungslos. Wenn ich nicht wüsste, dass es ein schädlicher Vergleich für andere wäre und dass ich es bald bereuen würde, dann würde ich die verdammten Bilder nebeneinander auf Facebook posten und „DAS macht Ana“ dazu schreiben. Es rausschreien, weil ich nicht weisz wohin damit.
Ich sehe zum allerersten Mal wie du dich verändert hast, obwohl ich millionen Male versucht habe die Veränderung zu erkennen. Ich weine um dich, Paula! Ich weine, weil ich es nie erkannt habe und vermutlich auch morgen nicht mehr erkennen werde.
Paula, guck es dir wieder an und pass auf dich auf!

Ich liebe dich!
Deine fassungslose, traurige und besorgte Paula


1 Antwort auf „Liebe Paula,“


  1. 1 leon 21. September 2012 um 21:35 Uhr

    liebe paula,
    aus interesse habe ich heute alle deine einträge nochmal an einem stück gelesen. manche machten mich traurig, andere stimmten mich optimistisch und ich habe das gefühl – trotz aller zeitlichen sprünge – dass du dich positiv entwickelst. (aber vielleicht irre ich mich auch bwz. verkläre da etwas)
    so einen brief an sich selbst zu schreiben, zeugt schon von einem starken willen sich selbest kritisch zu hinterfragen, was ich gut finde.
    wenn wir früher manchmal telefoniert haben, habe ich an dir nie „die“ paula wahrgenommen, welche sich in diesem blog zeigt, heiszt: ich habe respekt wenn menschen so viel mut aufbringen und so ein projekt starten.

    ich wünsche dir alles gute für die zunkunft! ;)
    leon

    ps: hoffentlich wird mein comment nicht irgendwie paternalistisch, dass soll er nämlich nicht.

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