Archiv für März 2013

Ich verliebe mich in Mädchen, in Frauen. Ich trage dieses Geheimnis nicht mehr.

TRIGGERTHEMEN: sexualisierte Gewalt und Trauma, Homophobie, Beschreibung von Sexualiät, Selbstverletzung

09.09.2003
Ich bin 12 Jahre alt. Ich mag Pferde und Katzen. Ich habe ein für mein Alter großes politisches Bewusstsein. Ich bin eine überdurchschnittlich gute Schülerin. Oft bin ich sehr ängstlich. Trotzdem bin ich oft dreist und laut. Meine Mitschüler*innen finden mich zu dreist. Sie finden mich auch nicht „cool“.
Ich habe eine beste Freundin. Sie heißt Tati. Tati ist 13 Jahre alt. Ihre Leistungen in der Schule sind nicht so gut wie meine. Ich flüstere ihr oft Antworten zu, die sie den Lehrer*innen sagen kann. Dafür ist Tati mutig und schlagfertig. Wenn unsere Mitschüler*innen gemein sind, dann ist sie diejenige, die die richtige Antwort parat hat. Wir nennen uns Maus und Bär. Wir sind ein unschlagbares Team.

Heute darf Tati bei mir schlafen. Ich erzähle ihr, dass ich in einer Mädchenzeitschrift von zwei Freundinnen gelesen habe, die sich geküsst haben um das auszuprobieren. Tati erzählt von einer Mitschülerin, die manchmal masturbiert. Wir sagen, dass wir das komisch finden und nie machen würden.
Danach liegen wir im Bett. Wir küssen uns. Wir vertrauen uns so sehr, dass wir abwechselnd unseren Körper der anderen überlassen um alles gewollte auszuprobieren. Wir haben Sex miteinander.
Wir versprechen uns gegenseitig, niemandem davon zu erzählen.

In der darauf folgenden Zeit – ich weiß nicht wie lang diese andauerte – stecken wir uns ganz ohne Scham selbstgebastelte Anleitungen zur Selbstbefriedigung zu und lernen sobald wir allein sind unsere Körper, unsere Sexualität kennen.
Tatis Körper entwickelt sich schon viel schneller als meiner. Ich finde sie wunderschön und begehrenswert. Sie hat auch schon ihre Tage und ich finde es spannend mit ihr Sex zu haben, wenn sie blutet.
In mein Tagebuch schreibe ich: „Wenn ich groß bin, werde ich eine Lesbe.“

Irgendwann interessiert Tati sich dann auch für Jungs. Sie führt erste kleine Beziehungen. Ich finde Jungs uninteressant. Ich bin eifersüchtig und fühle mich von Tati vernachlässigt.
Tati „verarscht“ meinen engsten Freund und belügt mich darüber. Als ich das herausfinde, bin ich sehr sauer und nutze die Gelegenheit ihr einen Brief zu schreiben, in dem ich ihr darüber berichte, wie es mir mit dieser Situation geht. Unsere Freundschaft zerbricht.
Was zwischen uns passiert ist, bleibt immer unser Geheimnis. Manchmal schreibt eine von uns das Datum „9.9.03″ irgendwohin und wir erinnern uns so an das was war. Etwas bleibt. Die Erfahrung. Die Erinnerung. Der Eintrag ins Tagebuch.

Ich gebe nach außen vor, mich auch für Jungs zu interessieren. Ich mache mit beim „Wer ist gerade süß“-Spiel.

Winter 2007/2008
Ich bin in Rumänien. Ich bin 16 Jahre alt. Ich mache Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Er ist 31 Jahre alt. Verheiratet. Mit Kind. Ich gebe nach außen hin vor in ihn verliebt zu sein. Erzähle meinen Freundinnen von meinem ersten Mal. Nur er und ich wissen, was wirklich passiert. Meine Mama ahnt es und beendet den „Spaß“.

Ich werde in der Schule damit geärgert, dass ich eine Beziehung zu so einem alten Mann habe. Ich falle in eine tiefe psychische Krise. Ich kapsel mich ab. Ich verletze mich selbst. Niemand kommt an mich heran. Niemand weiß es. Ich weiß es auch oft nicht.

Frühling 2008
Ich bin gerade ein paar Tage 17 Jahre alt. Ich bin auf einem Festival. Ich küsse drei verschiedene Typen an einem Tag. In einen verliebe ich mich. Habe ich also begonnen mich für Jungs zu interessieren? Oder ist das nun der Umgang mit meinen Erfahrungen aus Rumänien?

Ich habe eine neue beste Freundin. Lilly. Wir gehen zusammen zur Schule. Pushen uns gegenseitig um immer besser zu sein. Wir sind unzertrennlich. Sind uns sehr nah. Auch körperlich. Wir essen immer gleiche Mengen von einem Teller. Wir gehen zusammen auf die Toilette. Wir erzählen uns manchmal, dass wir ein Ehepaar sind.
Lilly ist sehr hübsch. Das finden auch die Jungs. Sie behandeln sie (aber) wie ein Objekt. Das fällt mir auf. Ich leide darunter. Ich sehe doch viel mehr in ihr. Ich bemerke, dass ich verliebt bin. Ich genieße jeden Moment der Nähe, jeden Kuss, jede Umarmung. Ich bin stolz ihre Freundin zu sein. Und es tut so weh, weil ich ja eben doch nur die beste Freundin bin.
Unsere Mitschüler*innen sagen manchmal Dinge wie „Macht ihr schon wieder euren Lesbenkram?“ und Lilly fühlt sich dann schlecht. Manchmal will sie deshalb vor den anderen nicht mehr meine Hand halten. Sie sagt, dass sie sich distanzieren würde, wenn eine Freundin von ihr lesbisch wäre. Ich schweige also weiter.

Der Junge vom Festival verliebt sich auch in mich. Wir sind zusammen. Da ist auch Sexualität. Aber ich habe immer diese Momente der Angst, des Ekels. Dann geht es nicht weiter. Ich sage, dass ich denke, dass das an meinen Erfahrungen in Rumänien liegt. Gleichzeitig bin ich verliebt in Lilly.

Anfang 2009
Ich bin 17 Jahre alt. Ich lerne Lisa kennen. Ich verliebe mich in „ihn“. Ich erfahre, dass Lisa lieber eine Frau wäre.
Ich verlasse meinen Freund. Ich breche mit Lilly und schreibe ihr einen Brief, in dem ich ihr sage, dass ich mich auch in Mädchen verliebe. Ich ziehe zu Hause aus. Ich bin jetzt mit Lisa zusammen. Sexualität kann ich immernoch nur bedingt leben. Immer nur dann, wenn ich mich zwinge und aus meinem Körper zu entschwinden versuche. Ich versuche Dinge zu beschleunigen.
In der Schule bin ich ausgeschlossen. Ich schließe mich selber aus.
Lilly erzählt herum, dass ich in einem vermüllten Haus mit lauter Drogenjunkies wohnen würde. Sie erzählt auch herum, dass ich bescheuert und lesbisch sei.
Ich erfahre Ablehnung.

In meinem neuen Freund*innenkreis außerhalb der Schule kann ich sagen, dass ich homosexuell bin oder bisexuell oder was auch immer. Trotzdem bin ich verletzt von meinen Erlebnissen und lebe nur noch in heterosexuellen Beziehungen, habe nur heterosexuellen Sex.
Nur einmal küsse ich ein Mädchen. Wir beschließen, einfach Freundinnen zu sein um uns nicht zu verletzen, uns nicht zu nahe zu treten.
Ich bin Frauen* gegenüber ohnehin sehr schüchtern und zurückhaltend. Mag klare Verhältnisse und mich nicht wieder verrennen, nicht wieder verletzt werden, nicht wieder ein Geheimnis haben müssen.
Ich habe verschiedene Beziehungen und liebe meine Partner, weil sie tolle Menschen sind. Ihr Geschlecht ist mir egal. Sex habe ich nur sehr selten. Irgendwann gar nicht mehr. Ich sage und denke, dass es wegen meines Traumas ist. Manchmal denke ich aber auch daran, dass ich vielleicht einfach homosexuell bin. Für mich gehen Liebesbeziehung nicht selbstverständlich mit Sexualität einher.

Sommer 2011
Ich bin 20 Jahre alt. Ich habe seit einem halben Jahr eine Liebesbeziehung mit „Kater“. Wir sind im Urlaub in Manchester. Abends spazieren wir durchs Gayvillage, ein durch die homosexuelle Szene geprägtes Stadtviertel mit vielen Bars und Clubs. Ich bin sehr angespannt.
Auf einer abgelegenen Bank im Park beginne ich zu weinen. Ich kann die Anspannung nicht mehr halten. Ich erzähle Kater von meinen Sorgen. Von meinen Erlebnissen. Von meiner verdrängten Sexualität. Von meiner Angst. Vor Verletzung. Vor gesellschaftlichen Erwartungen. Vor meiner weit zurückliegenden Erfahrung mit weiblicher Sexualität und damit davor nicht gut und erfahren genug zu sein. Vor dem Verlieben. Davor, dass meine Gesten als rein „freundschaftlich“ verstanden werden. Angst vor sooo vielem.
Kater hört mir zu. Kater ist auch keine „Hete“. Kater sagt, dass ich mir einfach Zeit lassen soll. Mir keinen Druck machen.
Später verdränge ich all das wieder. Aber es soll mich nicht mehr ganz in Ruhe lassen.

Anfang 2013
Im Dezember war es mit Kater vorbei. Auch wenn wir keine monogame Beziehung geführt haben, habe ich das Gefühl mich neu orientieren zu können.
Ich falle in alte Muster zurück. Drei „Typen“ in wenigen Wochen. Das ist okay. Aber tut mir nicht gut.
Mitte Januar lasse ich mich auf eine neue Beziehung ein. Ein Mensch, den ich lange kenne. Der mir sehr wichtig ist. Der mich versteht. Hier ist Raum für meine Gefühle und für meine Geschichte. Hier ist Raum um vergangenen Beziehungen nachzutrauern. Hier ist Raum um mich auszuprobieren. Es ist Raum um mutig zu sein.
Es ist Raum um neue Menschen kennenzulernen und trotz all der Angst vorsichtig auf sie zuzugehen. Es ist Raum um jedem Anflug von Gefühl nachzugehen. Es ist Raum diesen Text zu schreiben, zu reflektieren, es nach außen zu tragen.

Ich bin Paula. Ich verliebe mich in Mädchen, in Frauen. Ich bin nicht heterosexuell. Das war ich noch nie. Ich mag herausfinden, was ich sonst bin. Ich mag meine Angst überwinden. Ich mag zulassen, dass es endlich heraus kann aus mir. Später als bei anderen, aber nicht zu spät. Ich trage dieses Geheimnis nicht mehr.