Archiv für April 2013

Weitermachen.

Ich habe vor lauter Schuldgefühlen den Eindruck, dass ich das hier nicht schreiben, nicht denken darf. Ich habe lange überlegt, ob ich es trotzdem tun soll. Und immer wieder denke ich: „Nein, Paula. Das kannst du nicht. Deine Gefühle sind gerade völlig egal. Es geht nur darum wie es diesem Menschen geht!“. Aber das hier ist mein Blog. Und das hier, das Schreiben ist mein Weg um Gefühle zu ordnen, um nicht die Kontrolle zu verlieren, weil ich mir Gefühle verbiete, die dann irgendwann an einer ganz anderen Stelle herausplatzen. Also werde ich doch schreiben.

Es muss weitergehen. Wir müssen weitermachen. Die Zeit bleibt nicht stehen. Sie läuft.

Meine derzeit nicht gerade kleine Depression macht das mit dem Weitermachen nicht leichter. Ich schlafe nachts kaum, denn da sind wieder die heftigen Schlafstörungen. Ich verliere meine Ziele, jede Perspektive aus den Augen, denn da ist wieder dieser Blick, der keine Zukunft kennt. Ich liege lange auf der Couch und lasse die Zeit vorbeiziehen, denn da ist wieder diese Trägheit. Ich esse nur kleine Portionen und bin froh, wenn ich mich zu drei Mahlzeiten am Tag zwingen kann, denn da ist wieder diese Appetitlosigkeit. Ich sehe mich selbst oft nur noch als traurige Geschichte.

Aber. Ich habe Zeit mit den Lieblingsmenschen verbracht in der letzten Woche, die Isolation gebrochen. Das hat gut getan. Ich habe mir (auf Katers Vorschlag hin) meine Ziele aufgeschrieben und kleine Schritte erarbeitet um ihnen näher zu kommen. Das hat gut getan. Ich habe mich immer wieder besonnen, wenn ich mir selbst nichts gutes tun wollte (z.B. „Magersucht-Surfing“ im Internet einfach irgendwann unterbrochen und trotzdem gegessen). Das hat gut getan. Ich kenne mittlerweile Wege aus der Depression. Kleine Trampelpfade, auf denen man nur langsam einen Fuß vor den anderen setzen kann, die einem unendlich vorkommen, die aber doch zum Ziel führen.

Was mich gerade noch aufhält einfach diese kleinen Pfade weiterzugehen?
Ich mache innerlich sehr viel von diesem Menschen abhängig, dem ich weh getan habe. Ich fühle mich so wahnsinnig schuldig.
Meine Freund*innen sagen, dass dieses Schuldgefühl keinen Sinn mache. Sie sagen, dass meine Aktion natürlich scheiße gewesen sei und dass ich das ja auch wisse; dass ich natürlich akzeptieren müsse, dass er jetzt Zeit braucht. Aber sie sagen auch, dass es nicht richtig sei mir Vorwürfe zu machen. Schließlich seien drei Jahre vergangen, in denen ich immer die Kontrolle gewahrt hätte, in denen ich immer wieder Größe bewiesen hätte. Es sei ja nicht so, dass ich mein Verhalten dauernd mit dem Kontrollverlust entschuldigen würde, sondern dass es eben einmal wieder passiert sei und ich das ja auch reflektieren würde.
Diesen Gedanken finde ich nicht ganz falsch. Dennoch. Es fällt mir schwer ihn anzunehmen. Es fällt mir schwer ihn anzunehmen, wenn ich sehe oder fühle, dass ein Mensch leidet, weil ich die Kontrolle über mich und meine Impulse verloren habe.

Er geht mir aus dem Weg. Er reagiert nur hin und wieder auf mich. Er will mich nicht allein sehen.
Das ist völlig okay und berechtigt. Das verstehe ich sehr gut.
Trotz meinem Verständnis dafür, habe ich aber natürlich den Wunsch, dass es anders, besser wird. Ich wünsche mir, dass ich nicht mehr so aufgewühlt bin, nur weil ich denke, dass irgendeine Kommunikation bezüglich dieser schrecklichen Nacht kommen könnte. Ich möchte schlafen können, statt warten zu müssen. Ich möchte wissen, wie es diesem Menschen wirklich geht. Ich möchte ihn in den Arm nehmen können und ihm sagen, dass alles gut wird.

Ja, damit mache ich es mir leicht. Ich will diese schrecklichen Schuldgefühle loswerden oder zumindest wissen, wie sehr sie da sein müssen. Und ja, ich weiß: eigentlich kann nur ich mir selber diese Gefühle nehmen oder mit ihnen umgehen lernen.

Ich erwarte auch gar nichts. Ich weiß auch selber nicht, warum es mir besser gehen sollte als dir. Nein, es ist schon richtig, dass ich jetzt auch darunter leide und meinen eigenen Weg da raus finden muss. Du bist der Letzte, der das Gefühl haben soll, mir dabei helfen zu müssen. Ich möchte eigentlich, dass du gar nicht mitbekommst, dass es mir nicht gut geht. Das soll dich nicht weiter belasten.

Ich muss weitergehen. Nicht warten.

Vielleicht legst du deine Hand trotzdem irgendwann in meine.

Freundschaft.

„Ich will das du weißt das ich immernoch zum nächsten zug aus x nach y für dich renne wenn es sein muss! Und das du dich nicht schlecht fühlst wenn du hilfe brauchst!“

Danke, dass du mir das nochmal deutlich gesagt hast.
Viel zu oft sehe ich nicht, dass mich seit Jahren wundertolle Menschen umgeben und dass sie eben nicht nur die guten Zeiten mit mir teilen wollen. Tut mir leid, dass ich euch manchmal so wenig zutraue und mich so allein fühle. Tut mir leid, dass ich mich isoliere und kalt werde – aus Angst zu viel zu sein, negativ bewertet zu werden. Meine komischen Kopfkonstrukte sind das. Dekonstruktion läuft bereits. ;)

Ich werde geliebt.
Ihr werdet geliebt.
Das hat sich nicht geändert! (Davor brauchst du keine Angst haben!)

„Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich bin wie der Kater. Wir sind einfach Niemande. Wir gehören zu niemandem, und niemand gehört zu uns. Und eigentlich gehören wir nicht mal zusammen.“ [Holly, Frühstück bei Tiffany]

„Weißt du woran es bei dir fehlt, du armes Ding ohne Namen? Du hast Angst, du hast keine Courage! Du bist ein Kind das Angst hat, alles so zu nehmen wie es ist! Menschen verlieben sich nunmal! Menschen gehören zusammen, weil dass die einzige Möglichkeit ist, ein wenig glücklich zu werden!“ [Paul, Frühstück bei Tiffany]

(K)ein Morgen wie jeder andere.

Achtung: Beschreibung von selbstverletzendem Verhalten!

Samstag. Morgens. Mit Kaffee und Kippe auf der Couch sitzen – wie immer. Große Müdigkeit – wie immer.
Was anders ist? Der Kopf schmerzt. Die Augen brennen immernoch. Da sind Schnitte in meinem Arm. Die brennen auch. Ich bin erschrocken. Und vor allem: Da ist ein Mensch, der sich so vor mir schützen mag und muss, dass er nicht mehr mit mir reden kann. Spuren von letzter Nacht.

Was da war?
Zuerst wurde da eine Beziehung beendet. Das war auch ganz okay so. Zwar hätte ich es gerne noch weiter probiert, aber mit einer Freundschaft war ich auch zufrieden. Hauptsache wir verlieren uns nicht aus den Augen. Denn wir sind uns wichtig.

Ich habe dann mit meiner Freundin J. telefoniert und wir stellten gemeinsam fest, dass es schon alles irgendwie richtig so ist. Ich hatte keine Angst vor der Nacht.

Dann saß ich allein auf meiner Couch. Da wo ich jetzt auch sitze. Und es fühlte sich schon erstmal alles ganz schön leer an. In mir kam das Gefühl hoch völlig allein, verlassen, nicht geliebt zu sein. An diesem Punkt hätte ich merken können, dass etwas wie früher war. Und ich hätte mich bei jemandem melden können, um zu merken, dass ich nicht allein bin. Manchmal geht es eben nur so.

Ich habe mich auch bei jemandem gemeldet. Aber ich habe mich bei dem Menschen gemeldet, der der Letzte war um mir das Gefühl zu nehmen allein zu sein. Nämlich bei dem Menschen, den ich jetzt meinen Ex-Freund nennen kann.
Er sagte, dass es ihm gut gehe mit der Situation. Ich sagte, dass es mir nicht so gut gehe, aber das schon okay sei. Er sagte, dass er mir so wieder näher sein könne, weil in der Beziehung alle Nähe von vorher verloren gegangen sei. Und dass da jetzt auch meine schlechten Gefühle sein könnten, ohne dass sie ihn verletzen würden.
Ich hatte den Drang ihm zu verdeutlichen, dass er sich um meine Nähe gebracht hat. Das konnte er akzeptieren.

Irgendwann bin ich dann in mein Bett gegangen. Und ich weiß nicht mehr wie das alles war, aber ich weiß, dass ich ihm Vorwürfe gemacht habe. Ich habe schrecklich geweint. Mich schrecklich allein gefühlt. Ich wollte nicht ertragen, dass er weiter so völlig cool ist und ich mich so allein fühle. Dabei kam mir immer wieder der Gedanke, dass ich ja eigentlich auch ziemlich okay mit dem Ende bin, dass meine Einsamkeit gerade gar nichts mit ihm zu tun hat und ich nicht weiß warum das alles gerade so wahnsinnig schlimm ist. Warum wieder dieses Gefühl von der Welt verlassen zu sein?
Aber davon konnte ich gar nichts mehr kommunizieren.

Er ist dann auch nicht mehr cool geblieben, sondern hat sich gewehrt und hat gesagt, dass es ihn verletzt. Ich war völlig blind. Wie in Trance. Ich konnte das nicht mehr erkennen. Ich hatte nur noch das Gefühl, er und die Welt hätte sich gegen mich verschworen.

Irgendwann schrieb er mir, dass er betrunken sei. Ich weiß, dass er sich in so einer Situation nur betrinkt, wenn es ihm schlecht geht. In diesem Moment ist etwas in mir gebrochen. Ich habe bemerkt wie sehr ich verletze. Zu spät. Das hat er mir auch vorgeworfen. Dass ich erst reagiere, wenn er sich selbst schädigt. Stimmt.
Ich weinte noch viel schrecklicher. Und schrie. Mein*e Nachbar*in klopfte an die Wand.
Ich hatte das Gefühl es nicht aushalten zu können und ging ins Badezimmer um weiter weg von der Wand zu sein. Und um irgendwie aus dieser Situation raus kommen zu können. Ich hatte schon vorher überlegt, dass mich in solchen Situationen eigentlich nur die Selbstverletzung wieder beruhigen kann. Über den Schmerz in die Realität. Das wollte ich eigentlich nicht mehr. Aber ich war zu blind um einen Ausweg zu sehen.

Ich habe dann sogar angekündigt, dass ich mir auch selbst schädige. Vielleicht weil ich das Gefühl hatte, dass er mir seine Selbstschädigung unter die Nase reibt, damit ich begreife wie schlecht es ihm geht – wegen mir. Ich wollte ihm zeigen, dass es mir eben genauso schlecht geht.

Dabei war mein Vorhaben schon längst gefasst. Ich hätte es nicht kommunizieren müssen. Es hätte mich auch ohne Kommunikation beruhigt und die Situation vielleicht retten können.
Dass das nötig war, hat mich wahnsinnig erschrocken. Habe ich mich doch nun schon seit einigen Jahren nicht mehr selbst verletzt. Und schon gar nicht jemanden damit unter Druck gesetzt.

Es war so verrückt. Ich merkte selber wie ich hinter Jahre meiner Entwicklung zurückfiel und konnte doch einfach nicht mehr raus aus der Situation.
Meine Selbstverachtung wurde dadurch unendlich.
Ich rief ihn an (vorher kommunizierten wir schriftlich) und versuchte mich zu entschuldigen. Ich konnte kaum sprechen vor weinen. Aber er ging darauf ein. Er sah auch, dass ich nicht mehr tun kann als ihm zu sagen, dass es mir wahnsinnig leid tut.

Was dann kam weiß ich nicht mehr. Er muss irgendwas gesagt haben, was meine kleine gerade wieder gewonnene Selbstkontrolle zerplatzen ließ.
Ich habe ihn angeschrien. Und ihm gesagt er solle sich verpissen. Überall da, wo ich sein könnte solle er nicht mehr sein. Seine Antwort darauf: „Verpiss du dich doch!“.
Und meine Reaktion.. die ist das heftigste der ganzen Geschichte. Ich drohte, ihn dazu zu bringen sich zu verpissen und wenn ich ihn dafür tot prügeln müsste. Dann brach ich auf dem Badezimmerboden zusammen und sagte viel leiser und erschrocken vor mir selbst, dass er gar nicht wüsste wie nah ich am Verpissen dran sei. Er legte auf. Verständlich.

Ich wollte nicht mehr leben. Aber ich konnte zumindest noch so weit denken, dass ihn und meine Mama das noch mehr als alles andere verletzen würde.
Ich schnitt mir also noch einmal in die Arme, um an den Punkt der absoluten Ruhe zu kommen, den ich so gut von früher kenne.

Ich schrieb ihm, dass ich ihm natürlich nichts tun würde und dass ich versuchen würde Kater zu erreichen.
Außerdem schrieb ich, dass ich mich dafür hassen und dass ich selber das Gefühl alle verloren zu haben immer schlimmer machen würde. Und dass ich ihn lieben und ihn jetzt in Ruhe lassen würde.

Er versuchte noch kurz mit mir zu schauen wer für mich da sein könnte. Und er sagte, dass er für mich, sich und alle anderen die mich wirklich lieben hofft, dass ich mir nichts tue.
Das war sehr groß von dir, N.! Danke!
Der Unterschied zu früher war, dass ich für einen Moment erkennen konnte, dass ich eben wirklich geliebt werde und diese Menschen von mir weg treibe und verletze, wenn ich so bin.
Überhaupt erkannte ich die ganze Zeit, was mit mir los war. Das war anders. Und hat es leider nicht besser gemacht.

Ich ging schlafen. Einfach schlafen. Nicht mehr weitermachen.
Ich habe unruhig, kurz und schlecht geschlafen.
Aber der Spuk ist vorbei.
Ich sitze hier mit den Erinnerungen an die letzte Nacht.
Ich sitze hier mit wenig Verständnis dafür, wie das einfach wieder passieren konnte.
Ich sitze hier mit ganz viel Scham.
Ich sitze hier mit dem Wissen, dass ein Mensch, der mir sehr wichtig ist, weit weg von mir sein muss. Und dass ich selber dafür verantwortlich bin.
Ich sitze hier mit dem Willen, wieder mehr auf Anzeichen solcher Ausbrüche zu achten, mich nicht zu sicher davor zu wähnen und die Verantwortung für mich zu übernehmen sobald ich merke, dass da wieder etwas hochkommt.
Und Verantwortung übernehmen kann auch heißen, dass ich im Zweifelsfall in die Notaufnahme einer Psychiatrie gehe, bevor ich andere Menschen weiter verletze.

Ich hoffe, dass du diese Situation irgendwie verkraftest. Ich bin froh, dass du so gut auf dich aufpasst. Und natürlich werde ich nicht aufhören zu hoffen, dass wir trotzdem wieder irgendwie zueinander finden können, dass du wieder auf mich zukommen kannst. Meine Hand ist ausgestreckt. Aber ich akzeptiere auch, dass und wenn du deine Hand erstmal nicht in meine legen kannst. Ich weiß, dass ich dich sehr verletzt habe, N. Und es tut mir aufrichtig leid.
Du bist toll! Und du bist nicht schuld! – Vergiss das nicht!