Weitermachen.

Ich habe vor lauter Schuldgefühlen den Eindruck, dass ich das hier nicht schreiben, nicht denken darf. Ich habe lange überlegt, ob ich es trotzdem tun soll. Und immer wieder denke ich: „Nein, Paula. Das kannst du nicht. Deine Gefühle sind gerade völlig egal. Es geht nur darum wie es diesem Menschen geht!“. Aber das hier ist mein Blog. Und das hier, das Schreiben ist mein Weg um Gefühle zu ordnen, um nicht die Kontrolle zu verlieren, weil ich mir Gefühle verbiete, die dann irgendwann an einer ganz anderen Stelle herausplatzen. Also werde ich doch schreiben.

Es muss weitergehen. Wir müssen weitermachen. Die Zeit bleibt nicht stehen. Sie läuft.

Meine derzeit nicht gerade kleine Depression macht das mit dem Weitermachen nicht leichter. Ich schlafe nachts kaum, denn da sind wieder die heftigen Schlafstörungen. Ich verliere meine Ziele, jede Perspektive aus den Augen, denn da ist wieder dieser Blick, der keine Zukunft kennt. Ich liege lange auf der Couch und lasse die Zeit vorbeiziehen, denn da ist wieder diese Trägheit. Ich esse nur kleine Portionen und bin froh, wenn ich mich zu drei Mahlzeiten am Tag zwingen kann, denn da ist wieder diese Appetitlosigkeit. Ich sehe mich selbst oft nur noch als traurige Geschichte.

Aber. Ich habe Zeit mit den Lieblingsmenschen verbracht in der letzten Woche, die Isolation gebrochen. Das hat gut getan. Ich habe mir (auf Katers Vorschlag hin) meine Ziele aufgeschrieben und kleine Schritte erarbeitet um ihnen näher zu kommen. Das hat gut getan. Ich habe mich immer wieder besonnen, wenn ich mir selbst nichts gutes tun wollte (z.B. „Magersucht-Surfing“ im Internet einfach irgendwann unterbrochen und trotzdem gegessen). Das hat gut getan. Ich kenne mittlerweile Wege aus der Depression. Kleine Trampelpfade, auf denen man nur langsam einen Fuß vor den anderen setzen kann, die einem unendlich vorkommen, die aber doch zum Ziel führen.

Was mich gerade noch aufhält einfach diese kleinen Pfade weiterzugehen?
Ich mache innerlich sehr viel von diesem Menschen abhängig, dem ich weh getan habe. Ich fühle mich so wahnsinnig schuldig.
Meine Freund*innen sagen, dass dieses Schuldgefühl keinen Sinn mache. Sie sagen, dass meine Aktion natürlich scheiße gewesen sei und dass ich das ja auch wisse; dass ich natürlich akzeptieren müsse, dass er jetzt Zeit braucht. Aber sie sagen auch, dass es nicht richtig sei mir Vorwürfe zu machen. Schließlich seien drei Jahre vergangen, in denen ich immer die Kontrolle gewahrt hätte, in denen ich immer wieder Größe bewiesen hätte. Es sei ja nicht so, dass ich mein Verhalten dauernd mit dem Kontrollverlust entschuldigen würde, sondern dass es eben einmal wieder passiert sei und ich das ja auch reflektieren würde.
Diesen Gedanken finde ich nicht ganz falsch. Dennoch. Es fällt mir schwer ihn anzunehmen. Es fällt mir schwer ihn anzunehmen, wenn ich sehe oder fühle, dass ein Mensch leidet, weil ich die Kontrolle über mich und meine Impulse verloren habe.

Er geht mir aus dem Weg. Er reagiert nur hin und wieder auf mich. Er will mich nicht allein sehen.
Das ist völlig okay und berechtigt. Das verstehe ich sehr gut.
Trotz meinem Verständnis dafür, habe ich aber natürlich den Wunsch, dass es anders, besser wird. Ich wünsche mir, dass ich nicht mehr so aufgewühlt bin, nur weil ich denke, dass irgendeine Kommunikation bezüglich dieser schrecklichen Nacht kommen könnte. Ich möchte schlafen können, statt warten zu müssen. Ich möchte wissen, wie es diesem Menschen wirklich geht. Ich möchte ihn in den Arm nehmen können und ihm sagen, dass alles gut wird.

Ja, damit mache ich es mir leicht. Ich will diese schrecklichen Schuldgefühle loswerden oder zumindest wissen, wie sehr sie da sein müssen. Und ja, ich weiß: eigentlich kann nur ich mir selber diese Gefühle nehmen oder mit ihnen umgehen lernen.

Ich erwarte auch gar nichts. Ich weiß auch selber nicht, warum es mir besser gehen sollte als dir. Nein, es ist schon richtig, dass ich jetzt auch darunter leide und meinen eigenen Weg da raus finden muss. Du bist der Letzte, der das Gefühl haben soll, mir dabei helfen zu müssen. Ich möchte eigentlich, dass du gar nicht mitbekommst, dass es mir nicht gut geht. Das soll dich nicht weiter belasten.

Ich muss weitergehen. Nicht warten.

Vielleicht legst du deine Hand trotzdem irgendwann in meine.