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An eine Freundin.

Wir waren in letzter Zeit einige Male zusammen auf Konzerten. Du hast mitbekommen, dass da Typen waren, die mich wohl interessant fanden. Manchmal habe ich dann auch ein bisschen geflirtet. Das zwischenmenschliche Knistern hat mir ganz gut getan. Und manchmal waren Situationen auch unangenehm. Wie das halt so ist.. Ich habe es jedenfalls genossen gemeinsam mit dir und dem Rest der Crew aus meiner Alltags- und Beziehungswelt zu entfliehen. Gut, dass wir sowas zusammen machen können.

Irgendwann später haben wir dann bei einer Cola zusammengesessen und über unser Leben gequatscht. Auch schön eigentlich. Nur dann kam das: Du hast mir gesagt, dass die Männer mich halt toll fänden, weil ich dünn wär und damit dem gängigen Schönheitsideal entspräche.

Na, schönen Dank. Aua.

Ich bin dünn und nur deshalb finden mich Menschen interessant? Ich bin nicht viel mehr als nur dünn?
Oder sind die Leute, die ich kennenlerne alle blöde Idioten, die nichts anderes in mir sehen als meine Körperform? Oder bist du es, die kacke ist (weil du nichts anderes in mir bzw in den Köpfen der anderen siehst)?

Ja, ich bin dünn. Sehr dünn. BMI 14 oder so. 19 wär gerade so „Normalgewicht“. Ja, ich hab dann wohl auch echt dieses thin privilege. Und du hast es nicht.
Trotzdem ist das kein Freifahrtschein mich auf meine Körperform zu reduzieren und mir diese dann mal wieder um die Ohren zu hauen.

Weitermachen.

Ich habe vor lauter Schuldgefühlen den Eindruck, dass ich das hier nicht schreiben, nicht denken darf. Ich habe lange überlegt, ob ich es trotzdem tun soll. Und immer wieder denke ich: „Nein, Paula. Das kannst du nicht. Deine Gefühle sind gerade völlig egal. Es geht nur darum wie es diesem Menschen geht!“. Aber das hier ist mein Blog. Und das hier, das Schreiben ist mein Weg um Gefühle zu ordnen, um nicht die Kontrolle zu verlieren, weil ich mir Gefühle verbiete, die dann irgendwann an einer ganz anderen Stelle herausplatzen. Also werde ich doch schreiben.

Es muss weitergehen. Wir müssen weitermachen. Die Zeit bleibt nicht stehen. Sie läuft.

Meine derzeit nicht gerade kleine Depression macht das mit dem Weitermachen nicht leichter. Ich schlafe nachts kaum, denn da sind wieder die heftigen Schlafstörungen. Ich verliere meine Ziele, jede Perspektive aus den Augen, denn da ist wieder dieser Blick, der keine Zukunft kennt. Ich liege lange auf der Couch und lasse die Zeit vorbeiziehen, denn da ist wieder diese Trägheit. Ich esse nur kleine Portionen und bin froh, wenn ich mich zu drei Mahlzeiten am Tag zwingen kann, denn da ist wieder diese Appetitlosigkeit. Ich sehe mich selbst oft nur noch als traurige Geschichte.

Aber. Ich habe Zeit mit den Lieblingsmenschen verbracht in der letzten Woche, die Isolation gebrochen. Das hat gut getan. Ich habe mir (auf Katers Vorschlag hin) meine Ziele aufgeschrieben und kleine Schritte erarbeitet um ihnen näher zu kommen. Das hat gut getan. Ich habe mich immer wieder besonnen, wenn ich mir selbst nichts gutes tun wollte (z.B. „Magersucht-Surfing“ im Internet einfach irgendwann unterbrochen und trotzdem gegessen). Das hat gut getan. Ich kenne mittlerweile Wege aus der Depression. Kleine Trampelpfade, auf denen man nur langsam einen Fuß vor den anderen setzen kann, die einem unendlich vorkommen, die aber doch zum Ziel führen.

Was mich gerade noch aufhält einfach diese kleinen Pfade weiterzugehen?
Ich mache innerlich sehr viel von diesem Menschen abhängig, dem ich weh getan habe. Ich fühle mich so wahnsinnig schuldig.
Meine Freund*innen sagen, dass dieses Schuldgefühl keinen Sinn mache. Sie sagen, dass meine Aktion natürlich scheiße gewesen sei und dass ich das ja auch wisse; dass ich natürlich akzeptieren müsse, dass er jetzt Zeit braucht. Aber sie sagen auch, dass es nicht richtig sei mir Vorwürfe zu machen. Schließlich seien drei Jahre vergangen, in denen ich immer die Kontrolle gewahrt hätte, in denen ich immer wieder Größe bewiesen hätte. Es sei ja nicht so, dass ich mein Verhalten dauernd mit dem Kontrollverlust entschuldigen würde, sondern dass es eben einmal wieder passiert sei und ich das ja auch reflektieren würde.
Diesen Gedanken finde ich nicht ganz falsch. Dennoch. Es fällt mir schwer ihn anzunehmen. Es fällt mir schwer ihn anzunehmen, wenn ich sehe oder fühle, dass ein Mensch leidet, weil ich die Kontrolle über mich und meine Impulse verloren habe.

Er geht mir aus dem Weg. Er reagiert nur hin und wieder auf mich. Er will mich nicht allein sehen.
Das ist völlig okay und berechtigt. Das verstehe ich sehr gut.
Trotz meinem Verständnis dafür, habe ich aber natürlich den Wunsch, dass es anders, besser wird. Ich wünsche mir, dass ich nicht mehr so aufgewühlt bin, nur weil ich denke, dass irgendeine Kommunikation bezüglich dieser schrecklichen Nacht kommen könnte. Ich möchte schlafen können, statt warten zu müssen. Ich möchte wissen, wie es diesem Menschen wirklich geht. Ich möchte ihn in den Arm nehmen können und ihm sagen, dass alles gut wird.

Ja, damit mache ich es mir leicht. Ich will diese schrecklichen Schuldgefühle loswerden oder zumindest wissen, wie sehr sie da sein müssen. Und ja, ich weiß: eigentlich kann nur ich mir selber diese Gefühle nehmen oder mit ihnen umgehen lernen.

Ich erwarte auch gar nichts. Ich weiß auch selber nicht, warum es mir besser gehen sollte als dir. Nein, es ist schon richtig, dass ich jetzt auch darunter leide und meinen eigenen Weg da raus finden muss. Du bist der Letzte, der das Gefühl haben soll, mir dabei helfen zu müssen. Ich möchte eigentlich, dass du gar nicht mitbekommst, dass es mir nicht gut geht. Das soll dich nicht weiter belasten.

Ich muss weitergehen. Nicht warten.

Vielleicht legst du deine Hand trotzdem irgendwann in meine.

Freundschaft.

„Ich will das du weißt das ich immernoch zum nächsten zug aus x nach y für dich renne wenn es sein muss! Und das du dich nicht schlecht fühlst wenn du hilfe brauchst!“

Danke, dass du mir das nochmal deutlich gesagt hast.
Viel zu oft sehe ich nicht, dass mich seit Jahren wundertolle Menschen umgeben und dass sie eben nicht nur die guten Zeiten mit mir teilen wollen. Tut mir leid, dass ich euch manchmal so wenig zutraue und mich so allein fühle. Tut mir leid, dass ich mich isoliere und kalt werde – aus Angst zu viel zu sein, negativ bewertet zu werden. Meine komischen Kopfkonstrukte sind das. Dekonstruktion läuft bereits. ;)

Ich werde geliebt.
Ihr werdet geliebt.
Das hat sich nicht geändert! (Davor brauchst du keine Angst haben!)

„Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich bin wie der Kater. Wir sind einfach Niemande. Wir gehören zu niemandem, und niemand gehört zu uns. Und eigentlich gehören wir nicht mal zusammen.“ [Holly, Frühstück bei Tiffany]

„Weißt du woran es bei dir fehlt, du armes Ding ohne Namen? Du hast Angst, du hast keine Courage! Du bist ein Kind das Angst hat, alles so zu nehmen wie es ist! Menschen verlieben sich nunmal! Menschen gehören zusammen, weil dass die einzige Möglichkeit ist, ein wenig glücklich zu werden!“ [Paul, Frühstück bei Tiffany]

(K)ein Morgen wie jeder andere.

Achtung: Beschreibung von selbstverletzendem Verhalten!

Samstag. Morgens. Mit Kaffee und Kippe auf der Couch sitzen – wie immer. Große Müdigkeit – wie immer.
Was anders ist? Der Kopf schmerzt. Die Augen brennen immernoch. Da sind Schnitte in meinem Arm. Die brennen auch. Ich bin erschrocken. Und vor allem: Da ist ein Mensch, der sich so vor mir schützen mag und muss, dass er nicht mehr mit mir reden kann. Spuren von letzter Nacht.

Was da war?
Zuerst wurde da eine Beziehung beendet. Das war auch ganz okay so. Zwar hätte ich es gerne noch weiter probiert, aber mit einer Freundschaft war ich auch zufrieden. Hauptsache wir verlieren uns nicht aus den Augen. Denn wir sind uns wichtig.

Ich habe dann mit meiner Freundin J. telefoniert und wir stellten gemeinsam fest, dass es schon alles irgendwie richtig so ist. Ich hatte keine Angst vor der Nacht.

Dann saß ich allein auf meiner Couch. Da wo ich jetzt auch sitze. Und es fühlte sich schon erstmal alles ganz schön leer an. In mir kam das Gefühl hoch völlig allein, verlassen, nicht geliebt zu sein. An diesem Punkt hätte ich merken können, dass etwas wie früher war. Und ich hätte mich bei jemandem melden können, um zu merken, dass ich nicht allein bin. Manchmal geht es eben nur so.

Ich habe mich auch bei jemandem gemeldet. Aber ich habe mich bei dem Menschen gemeldet, der der Letzte war um mir das Gefühl zu nehmen allein zu sein. Nämlich bei dem Menschen, den ich jetzt meinen Ex-Freund nennen kann.
Er sagte, dass es ihm gut gehe mit der Situation. Ich sagte, dass es mir nicht so gut gehe, aber das schon okay sei. Er sagte, dass er mir so wieder näher sein könne, weil in der Beziehung alle Nähe von vorher verloren gegangen sei. Und dass da jetzt auch meine schlechten Gefühle sein könnten, ohne dass sie ihn verletzen würden.
Ich hatte den Drang ihm zu verdeutlichen, dass er sich um meine Nähe gebracht hat. Das konnte er akzeptieren.

Irgendwann bin ich dann in mein Bett gegangen. Und ich weiß nicht mehr wie das alles war, aber ich weiß, dass ich ihm Vorwürfe gemacht habe. Ich habe schrecklich geweint. Mich schrecklich allein gefühlt. Ich wollte nicht ertragen, dass er weiter so völlig cool ist und ich mich so allein fühle. Dabei kam mir immer wieder der Gedanke, dass ich ja eigentlich auch ziemlich okay mit dem Ende bin, dass meine Einsamkeit gerade gar nichts mit ihm zu tun hat und ich nicht weiß warum das alles gerade so wahnsinnig schlimm ist. Warum wieder dieses Gefühl von der Welt verlassen zu sein?
Aber davon konnte ich gar nichts mehr kommunizieren.

Er ist dann auch nicht mehr cool geblieben, sondern hat sich gewehrt und hat gesagt, dass es ihn verletzt. Ich war völlig blind. Wie in Trance. Ich konnte das nicht mehr erkennen. Ich hatte nur noch das Gefühl, er und die Welt hätte sich gegen mich verschworen.

Irgendwann schrieb er mir, dass er betrunken sei. Ich weiß, dass er sich in so einer Situation nur betrinkt, wenn es ihm schlecht geht. In diesem Moment ist etwas in mir gebrochen. Ich habe bemerkt wie sehr ich verletze. Zu spät. Das hat er mir auch vorgeworfen. Dass ich erst reagiere, wenn er sich selbst schädigt. Stimmt.
Ich weinte noch viel schrecklicher. Und schrie. Mein*e Nachbar*in klopfte an die Wand.
Ich hatte das Gefühl es nicht aushalten zu können und ging ins Badezimmer um weiter weg von der Wand zu sein. Und um irgendwie aus dieser Situation raus kommen zu können. Ich hatte schon vorher überlegt, dass mich in solchen Situationen eigentlich nur die Selbstverletzung wieder beruhigen kann. Über den Schmerz in die Realität. Das wollte ich eigentlich nicht mehr. Aber ich war zu blind um einen Ausweg zu sehen.

Ich habe dann sogar angekündigt, dass ich mir auch selbst schädige. Vielleicht weil ich das Gefühl hatte, dass er mir seine Selbstschädigung unter die Nase reibt, damit ich begreife wie schlecht es ihm geht – wegen mir. Ich wollte ihm zeigen, dass es mir eben genauso schlecht geht.

Dabei war mein Vorhaben schon längst gefasst. Ich hätte es nicht kommunizieren müssen. Es hätte mich auch ohne Kommunikation beruhigt und die Situation vielleicht retten können.
Dass das nötig war, hat mich wahnsinnig erschrocken. Habe ich mich doch nun schon seit einigen Jahren nicht mehr selbst verletzt. Und schon gar nicht jemanden damit unter Druck gesetzt.

Es war so verrückt. Ich merkte selber wie ich hinter Jahre meiner Entwicklung zurückfiel und konnte doch einfach nicht mehr raus aus der Situation.
Meine Selbstverachtung wurde dadurch unendlich.
Ich rief ihn an (vorher kommunizierten wir schriftlich) und versuchte mich zu entschuldigen. Ich konnte kaum sprechen vor weinen. Aber er ging darauf ein. Er sah auch, dass ich nicht mehr tun kann als ihm zu sagen, dass es mir wahnsinnig leid tut.

Was dann kam weiß ich nicht mehr. Er muss irgendwas gesagt haben, was meine kleine gerade wieder gewonnene Selbstkontrolle zerplatzen ließ.
Ich habe ihn angeschrien. Und ihm gesagt er solle sich verpissen. Überall da, wo ich sein könnte solle er nicht mehr sein. Seine Antwort darauf: „Verpiss du dich doch!“.
Und meine Reaktion.. die ist das heftigste der ganzen Geschichte. Ich drohte, ihn dazu zu bringen sich zu verpissen und wenn ich ihn dafür tot prügeln müsste. Dann brach ich auf dem Badezimmerboden zusammen und sagte viel leiser und erschrocken vor mir selbst, dass er gar nicht wüsste wie nah ich am Verpissen dran sei. Er legte auf. Verständlich.

Ich wollte nicht mehr leben. Aber ich konnte zumindest noch so weit denken, dass ihn und meine Mama das noch mehr als alles andere verletzen würde.
Ich schnitt mir also noch einmal in die Arme, um an den Punkt der absoluten Ruhe zu kommen, den ich so gut von früher kenne.

Ich schrieb ihm, dass ich ihm natürlich nichts tun würde und dass ich versuchen würde Kater zu erreichen.
Außerdem schrieb ich, dass ich mich dafür hassen und dass ich selber das Gefühl alle verloren zu haben immer schlimmer machen würde. Und dass ich ihn lieben und ihn jetzt in Ruhe lassen würde.

Er versuchte noch kurz mit mir zu schauen wer für mich da sein könnte. Und er sagte, dass er für mich, sich und alle anderen die mich wirklich lieben hofft, dass ich mir nichts tue.
Das war sehr groß von dir, N.! Danke!
Der Unterschied zu früher war, dass ich für einen Moment erkennen konnte, dass ich eben wirklich geliebt werde und diese Menschen von mir weg treibe und verletze, wenn ich so bin.
Überhaupt erkannte ich die ganze Zeit, was mit mir los war. Das war anders. Und hat es leider nicht besser gemacht.

Ich ging schlafen. Einfach schlafen. Nicht mehr weitermachen.
Ich habe unruhig, kurz und schlecht geschlafen.
Aber der Spuk ist vorbei.
Ich sitze hier mit den Erinnerungen an die letzte Nacht.
Ich sitze hier mit wenig Verständnis dafür, wie das einfach wieder passieren konnte.
Ich sitze hier mit ganz viel Scham.
Ich sitze hier mit dem Wissen, dass ein Mensch, der mir sehr wichtig ist, weit weg von mir sein muss. Und dass ich selber dafür verantwortlich bin.
Ich sitze hier mit dem Willen, wieder mehr auf Anzeichen solcher Ausbrüche zu achten, mich nicht zu sicher davor zu wähnen und die Verantwortung für mich zu übernehmen sobald ich merke, dass da wieder etwas hochkommt.
Und Verantwortung übernehmen kann auch heißen, dass ich im Zweifelsfall in die Notaufnahme einer Psychiatrie gehe, bevor ich andere Menschen weiter verletze.

Ich hoffe, dass du diese Situation irgendwie verkraftest. Ich bin froh, dass du so gut auf dich aufpasst. Und natürlich werde ich nicht aufhören zu hoffen, dass wir trotzdem wieder irgendwie zueinander finden können, dass du wieder auf mich zukommen kannst. Meine Hand ist ausgestreckt. Aber ich akzeptiere auch, dass und wenn du deine Hand erstmal nicht in meine legen kannst. Ich weiß, dass ich dich sehr verletzt habe, N. Und es tut mir aufrichtig leid.
Du bist toll! Und du bist nicht schuld! – Vergiss das nicht!

Ich verliebe mich in Mädchen, in Frauen. Ich trage dieses Geheimnis nicht mehr.

TRIGGERTHEMEN: sexualisierte Gewalt und Trauma, Homophobie, Beschreibung von Sexualiät, Selbstverletzung

09.09.2003
Ich bin 12 Jahre alt. Ich mag Pferde und Katzen. Ich habe ein für mein Alter großes politisches Bewusstsein. Ich bin eine überdurchschnittlich gute Schülerin. Oft bin ich sehr ängstlich. Trotzdem bin ich oft dreist und laut. Meine Mitschüler*innen finden mich zu dreist. Sie finden mich auch nicht „cool“.
Ich habe eine beste Freundin. Sie heißt Tati. Tati ist 13 Jahre alt. Ihre Leistungen in der Schule sind nicht so gut wie meine. Ich flüstere ihr oft Antworten zu, die sie den Lehrer*innen sagen kann. Dafür ist Tati mutig und schlagfertig. Wenn unsere Mitschüler*innen gemein sind, dann ist sie diejenige, die die richtige Antwort parat hat. Wir nennen uns Maus und Bär. Wir sind ein unschlagbares Team.

Heute darf Tati bei mir schlafen. Ich erzähle ihr, dass ich in einer Mädchenzeitschrift von zwei Freundinnen gelesen habe, die sich geküsst haben um das auszuprobieren. Tati erzählt von einer Mitschülerin, die manchmal masturbiert. Wir sagen, dass wir das komisch finden und nie machen würden.
Danach liegen wir im Bett. Wir küssen uns. Wir vertrauen uns so sehr, dass wir abwechselnd unseren Körper der anderen überlassen um alles gewollte auszuprobieren. Wir haben Sex miteinander.
Wir versprechen uns gegenseitig, niemandem davon zu erzählen.

In der darauf folgenden Zeit – ich weiß nicht wie lang diese andauerte – stecken wir uns ganz ohne Scham selbstgebastelte Anleitungen zur Selbstbefriedigung zu und lernen sobald wir allein sind unsere Körper, unsere Sexualität kennen.
Tatis Körper entwickelt sich schon viel schneller als meiner. Ich finde sie wunderschön und begehrenswert. Sie hat auch schon ihre Tage und ich finde es spannend mit ihr Sex zu haben, wenn sie blutet.
In mein Tagebuch schreibe ich: „Wenn ich groß bin, werde ich eine Lesbe.“

Irgendwann interessiert Tati sich dann auch für Jungs. Sie führt erste kleine Beziehungen. Ich finde Jungs uninteressant. Ich bin eifersüchtig und fühle mich von Tati vernachlässigt.
Tati „verarscht“ meinen engsten Freund und belügt mich darüber. Als ich das herausfinde, bin ich sehr sauer und nutze die Gelegenheit ihr einen Brief zu schreiben, in dem ich ihr darüber berichte, wie es mir mit dieser Situation geht. Unsere Freundschaft zerbricht.
Was zwischen uns passiert ist, bleibt immer unser Geheimnis. Manchmal schreibt eine von uns das Datum „9.9.03″ irgendwohin und wir erinnern uns so an das was war. Etwas bleibt. Die Erfahrung. Die Erinnerung. Der Eintrag ins Tagebuch.

Ich gebe nach außen vor, mich auch für Jungs zu interessieren. Ich mache mit beim „Wer ist gerade süß“-Spiel.

Winter 2007/2008
Ich bin in Rumänien. Ich bin 16 Jahre alt. Ich mache Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Er ist 31 Jahre alt. Verheiratet. Mit Kind. Ich gebe nach außen hin vor in ihn verliebt zu sein. Erzähle meinen Freundinnen von meinem ersten Mal. Nur er und ich wissen, was wirklich passiert. Meine Mama ahnt es und beendet den „Spaß“.

Ich werde in der Schule damit geärgert, dass ich eine Beziehung zu so einem alten Mann habe. Ich falle in eine tiefe psychische Krise. Ich kapsel mich ab. Ich verletze mich selbst. Niemand kommt an mich heran. Niemand weiß es. Ich weiß es auch oft nicht.

Frühling 2008
Ich bin gerade ein paar Tage 17 Jahre alt. Ich bin auf einem Festival. Ich küsse drei verschiedene Typen an einem Tag. In einen verliebe ich mich. Habe ich also begonnen mich für Jungs zu interessieren? Oder ist das nun der Umgang mit meinen Erfahrungen aus Rumänien?

Ich habe eine neue beste Freundin. Lilly. Wir gehen zusammen zur Schule. Pushen uns gegenseitig um immer besser zu sein. Wir sind unzertrennlich. Sind uns sehr nah. Auch körperlich. Wir essen immer gleiche Mengen von einem Teller. Wir gehen zusammen auf die Toilette. Wir erzählen uns manchmal, dass wir ein Ehepaar sind.
Lilly ist sehr hübsch. Das finden auch die Jungs. Sie behandeln sie (aber) wie ein Objekt. Das fällt mir auf. Ich leide darunter. Ich sehe doch viel mehr in ihr. Ich bemerke, dass ich verliebt bin. Ich genieße jeden Moment der Nähe, jeden Kuss, jede Umarmung. Ich bin stolz ihre Freundin zu sein. Und es tut so weh, weil ich ja eben doch nur die beste Freundin bin.
Unsere Mitschüler*innen sagen manchmal Dinge wie „Macht ihr schon wieder euren Lesbenkram?“ und Lilly fühlt sich dann schlecht. Manchmal will sie deshalb vor den anderen nicht mehr meine Hand halten. Sie sagt, dass sie sich distanzieren würde, wenn eine Freundin von ihr lesbisch wäre. Ich schweige also weiter.

Der Junge vom Festival verliebt sich auch in mich. Wir sind zusammen. Da ist auch Sexualität. Aber ich habe immer diese Momente der Angst, des Ekels. Dann geht es nicht weiter. Ich sage, dass ich denke, dass das an meinen Erfahrungen in Rumänien liegt. Gleichzeitig bin ich verliebt in Lilly.

Anfang 2009
Ich bin 17 Jahre alt. Ich lerne Lisa kennen. Ich verliebe mich in „ihn“. Ich erfahre, dass Lisa lieber eine Frau wäre.
Ich verlasse meinen Freund. Ich breche mit Lilly und schreibe ihr einen Brief, in dem ich ihr sage, dass ich mich auch in Mädchen verliebe. Ich ziehe zu Hause aus. Ich bin jetzt mit Lisa zusammen. Sexualität kann ich immernoch nur bedingt leben. Immer nur dann, wenn ich mich zwinge und aus meinem Körper zu entschwinden versuche. Ich versuche Dinge zu beschleunigen.
In der Schule bin ich ausgeschlossen. Ich schließe mich selber aus.
Lilly erzählt herum, dass ich in einem vermüllten Haus mit lauter Drogenjunkies wohnen würde. Sie erzählt auch herum, dass ich bescheuert und lesbisch sei.
Ich erfahre Ablehnung.

In meinem neuen Freund*innenkreis außerhalb der Schule kann ich sagen, dass ich homosexuell bin oder bisexuell oder was auch immer. Trotzdem bin ich verletzt von meinen Erlebnissen und lebe nur noch in heterosexuellen Beziehungen, habe nur heterosexuellen Sex.
Nur einmal küsse ich ein Mädchen. Wir beschließen, einfach Freundinnen zu sein um uns nicht zu verletzen, uns nicht zu nahe zu treten.
Ich bin Frauen* gegenüber ohnehin sehr schüchtern und zurückhaltend. Mag klare Verhältnisse und mich nicht wieder verrennen, nicht wieder verletzt werden, nicht wieder ein Geheimnis haben müssen.
Ich habe verschiedene Beziehungen und liebe meine Partner, weil sie tolle Menschen sind. Ihr Geschlecht ist mir egal. Sex habe ich nur sehr selten. Irgendwann gar nicht mehr. Ich sage und denke, dass es wegen meines Traumas ist. Manchmal denke ich aber auch daran, dass ich vielleicht einfach homosexuell bin. Für mich gehen Liebesbeziehung nicht selbstverständlich mit Sexualität einher.

Sommer 2011
Ich bin 20 Jahre alt. Ich habe seit einem halben Jahr eine Liebesbeziehung mit „Kater“. Wir sind im Urlaub in Manchester. Abends spazieren wir durchs Gayvillage, ein durch die homosexuelle Szene geprägtes Stadtviertel mit vielen Bars und Clubs. Ich bin sehr angespannt.
Auf einer abgelegenen Bank im Park beginne ich zu weinen. Ich kann die Anspannung nicht mehr halten. Ich erzähle Kater von meinen Sorgen. Von meinen Erlebnissen. Von meiner verdrängten Sexualität. Von meiner Angst. Vor Verletzung. Vor gesellschaftlichen Erwartungen. Vor meiner weit zurückliegenden Erfahrung mit weiblicher Sexualität und damit davor nicht gut und erfahren genug zu sein. Vor dem Verlieben. Davor, dass meine Gesten als rein „freundschaftlich“ verstanden werden. Angst vor sooo vielem.
Kater hört mir zu. Kater ist auch keine „Hete“. Kater sagt, dass ich mir einfach Zeit lassen soll. Mir keinen Druck machen.
Später verdränge ich all das wieder. Aber es soll mich nicht mehr ganz in Ruhe lassen.

Anfang 2013
Im Dezember war es mit Kater vorbei. Auch wenn wir keine monogame Beziehung geführt haben, habe ich das Gefühl mich neu orientieren zu können.
Ich falle in alte Muster zurück. Drei „Typen“ in wenigen Wochen. Das ist okay. Aber tut mir nicht gut.
Mitte Januar lasse ich mich auf eine neue Beziehung ein. Ein Mensch, den ich lange kenne. Der mir sehr wichtig ist. Der mich versteht. Hier ist Raum für meine Gefühle und für meine Geschichte. Hier ist Raum um vergangenen Beziehungen nachzutrauern. Hier ist Raum um mich auszuprobieren. Es ist Raum um mutig zu sein.
Es ist Raum um neue Menschen kennenzulernen und trotz all der Angst vorsichtig auf sie zuzugehen. Es ist Raum um jedem Anflug von Gefühl nachzugehen. Es ist Raum diesen Text zu schreiben, zu reflektieren, es nach außen zu tragen.

Ich bin Paula. Ich verliebe mich in Mädchen, in Frauen. Ich bin nicht heterosexuell. Das war ich noch nie. Ich mag herausfinden, was ich sonst bin. Ich mag meine Angst überwinden. Ich mag zulassen, dass es endlich heraus kann aus mir. Später als bei anderen, aber nicht zu spät. Ich trage dieses Geheimnis nicht mehr.

Bilder mit Kater 2

Gehen lassen. Ich muss dich gehen lassen. Mich nicht in der Hoffnung verirren.
Aber warum muss ich das, wenn du mich liebst? Du sagst, du bist müde. Aber zu müde für das, was du liebst? Alles andere änderst du nicht? Kannst du es nicht ändern ob der gesellschaftlichen Erwartungen? Aber warum können wir dann nicht gemeinsam schauen, was dir in deiner Müdigkeit helfen kann? Ich verstehe das nicht!
Warum gibst du in manche Dinge so viel, bleibst lange wach, fährst weg, blablabla? Das raubt doch auch Kraft? Oder ist das einfach auch wichtig? Warum kann ich dir nicht zB mit dieser einen unbezahlten Sache helfen, weil ich auch mitverantwortlich bin? Warum musst du so viel arbeiten, wenn ich das tun kann?
Warum triffst du nicht bewusste Entscheidungen und setzt Prioritäten? Hast du Prioritäten gesetzt mit unserer Trennung? Aber warum hat das was du liebst dann keine Priorität mehr?
Auch wenn alles andere wichtiger ist und ich sagen könnte, dass mir das gar nicht gut tut: Ich will die Hoffnung nicht aufgeben. Ich will mit dir sein. Selbst wenn du morgen wieder sagst, dass du nicht kannst. Lieber die Unsicherheit riskieren als die Wärme und Liebe ganz verlieren.
Liebe? Was soll heißen, dass du mich liebst? Was soll heißen, dass du mich liebst, wenn wir nicht gemeinsame Zeit verbringen können, wenn dir das keine Kraft gibt, wenn du nicht darein investieren kannst/willst? Wenn du nie eingelenkt und gesprochen hast, statt es schlagartig zu beenden?
Was bedeutet es also für dich jemanden zu lieben?
Du machst es dir leicht, obwohl es sicher nicht leicht ist. Das darfst du. Das machen wir alle immer mal. Du flüchtest aus der Situation. Du wirfst mich weg. Aber nochmal: Was bedeutet dann, dass du mich liebst?
Du sagst, du hast dich von mir entfernt. Das passiert nunmal manchmal in längeren Beziehungen. Aber wenn du dich so weit entfernt hast, dass da keine Beziehung mehr sein kann, wo ist dann diese Liebe?
Ist liebe nah?
Können wir wieder nah sein?
Ich muss dich gehen lassen.

Bilder mit Kater

Oft habe ich überlegt was denn Liebe eigentlich ist. Ob ich sie kenne. Ist es die Leidenschaft. Oder die Wärme und Geborgenheit. Die Aufregung und Instabilität. Der Alltag und seine Stabilität. Oft habe ich an Beziehungen zu Menschen gezweifelt, weil sie nicht mehr als Alltag kannten oder nur die Leidenschaft. Schutzraum: Beziehung. Abenteuer: Beziehung. Liebesbeziehung. Monogamie. Polygamie. Du. Ich. Wir. Und Er*Sie.
Lieben wir uns? Liebst du mich? Ich dich?

Bei dir fühle ich mich warm und geborgen. Du hast meinen Alltag bereichert. Nicht durch Aufregung und Leidenschaft. Durch deine Fürsorge, deine Zärtlichkeit, deine Nähe, dein Verständnis, die Geborgenheit. Manchmal habe ich gezweifelt ob mir das alles ausreicht. Habe die fehlende Leidenschaft bei anderen gesucht. Das schien okay zu sein. Trotzdem habe ich dann oft gezweifelt und mit mir gerungen. Der entscheidende Punkt ist aber, dass ich mich immer wieder für unsere Beziehung entschieden habe. Denn Beziehung muss nicht die Aufregung des Lebens sein. Liebe braucht keine großen Erlebnisse, denn durch sie werden kleine Momente groß. Und selbst wenn sie klein bleiben, sind sie mit dir schöner. Abenteuer kann ich erleben, wenn ich reise, wenn ich neue Dinge ausprobiere, etwas besonderes zeichne, wenn ich heraus gehe und die Stadt bunt male, wenn ich in einem Gerichtssaal sitze und einen Prozess verfolge, wenn ich gute Musik höre, auf ein Konzert gehe. Es gibt so eine Vielzahl an Abenteuern, die die Welt mir bietet. Du darfst mein Ruhepol sein.

Aber was habe ich dir gegeben? Das Gefühl nicht gut genug zu sein. Ich habe nicht gut genug hingehört. Ich habe dir nicht gezeigt, dass du so wunderbar, so bunt und glitzernd bist, dass du mich so warm hältst. Konnte ich dich nicht zurückwärmen, weil es in dir so kalt ist? Oder bin ich es, die nur nehmen aber nichts geben kann? Habe ich dir jemals gesagt und glaubwürdig vermittelt, dass ich auch dann glücklich mit dir bin, wenn du einfach nur ab und zu neben mir einschläfst? Hast du nicht gesprochen oder habe ich so viel gesprochen, dass du nicht sprechen konntest? Habe ich dich erstickt obwohl ich dir Freiraum und einen Hafen bieten wollte?
Hat unsere Liebe noch eine Chance? Die Chance der Zeit? Eine liebende Freundschaft? Können wir nochmal anfangen zu sprechen und zu schweigen? Werden wir uns auch morgen noch lieben? Werde ich immer dein Shirt an mich drücken und dadurch in warmer Trauer ruhen können? Was ist, wenn dein Geruch verfliegt? Wirst du mich morgen noch lieben? Wirst du mich morgen noch „Katze“ nennen? Und werde ich dann wieder zu mir selbst sagen: „So lang ich deine Katze bin, ist alles gut.“ und ruhiger schlafen als ich es seit Jahren getan habe?

Ich fühle mich dir so nah. Ich bin dir so dankbar, dass du mir ein bisschen von dir gezeigt hast mit unserer Trennung. Ich verstehe dich so sehr und ich fühle mit dir. aber wie weit bist du eigentlich von mir entfernt? Entfernst du dich noch weiter? Oder nicht? Kommst du wieder näher irgendwann? Bist du es die ganze Zeit?

Ich sehe, dass ich nicht nur Schwächen habe. Aber ich zweifle ständig an mir. Und ich überlege was ich hätte anders machen können, obwohl es zu nichts führt, weil meine Chance scheinbar vertan ist. (Oder nicht?)
Trotzdem. Ich habe auch Stärken. Ich bin einfühlsam, liebevoll, intelligent, tiefgehend. Ich bin sogar schön. Ich akzeptiere Menschen, die mir lieb sind, wie sie sind und obwohl ich keinen Spaß verstehe, kann ich manchmal wirklich lustig sein. Und ich weiß, dass Menschen sich an mir und mit mir weiterentwickeln können. Ich bin zwar nicht stolz – das passt nicht zu mir – aber ich weiß darum, dass es nicht nur schlecht ist mit mir, dass ich liebenswürdig bin. Das sollte ich mir auch merken. Und ich werde das jetzt nicht wieder löschen. Es war nötig das festzustellen. Und auch völlig in Ordnung. Ja, das hat hier seinen Platz verdient.

Diese Welt ist so kalt. Aber du weißt ja, dass es Menschen mit Glitzerherzen gibt. Und die wärmen uns. Meine Mama und Lila und all die anderen versuchen der kleinen Katzenprinzessin das wärmende Winterfell zu geben. Aber im Schloss ist diese Kälte seitdem du weg bist. Nur die Erinnerungen, die Bilder im Kopf halten es ein bisschen warm. Ist dir auch kalt? Spürst du die Kälte der Welt? Oder ist das Katerwinterfell erst wieder für dich da seitdem ich mich nicht mehr mit daran wärme?
Ich will nicht sagen, dass ich dich brauche. Nein, dem ist nicht so. Irgendwann kommt der Sommer wieder. Das weiß ich. Trotzdem scheint mein warmes Herz in die Kälte hineinzubrennen und schmerzt. Du fehlst!

Das alles hier ist wirr. Ich weiß nicht ob du diesen Text jemals lesen wirst. Ob ich ihn dir zeigen werde. Ob du ihn selber findest. Ob das gut wäre oder dich einengen würde. Würdest du davor weglaufen und dich noch mehr von mir entfernen? Würde es dir warm werden? Würde es dir helfen? Ist es zu spät? Zu spät zu spät zu spät hallt es in meinem Kopf zurück. Eine andere Stimme sagt, dass ich so schnell nicht aufgeben werde. Ich werde nicht aufgeben so lange ich liebe. Liebe? Liebe Liebe. Bilder mit Kater.

Keine Angst vor dem Altern, sondern Freude zu überleben. :)

Versuch einer Selbstreflektion (eventuell Essstörungs-Trigger!)

Ich kann nun stolz sein. Sagen sie. Ich bin stolz. Antworte ich. Denn ich habe nun endlich etwas geschafft. Überhaupt zum ersten Mal etwas zu Ende gebracht.
Aber ich kann nicht stolz sein. Ich habe verlernt mich über Dinge zu freuen bei denen ich nicht die Beste sein kann. Ich kann nicht einmal die Dünnste sein. Nicht einmal hungern kann ich.
~
Seit Tagen verbringe ich nun meine Zeit hinter verschlossenen Türen. Meistens im Bett. Ich kann nicht einkaufen gehen, nicht das Gesicht in die Sonne strecken, nicht Tabak holen gehen, nicht … nichts eben! Ich möchte keine Menschen treffen, die versuchen könnten in mich hinein zu blicken. Keine langen Gespräche führen. Lieber nur ein paar Minuten Kaffee schlürfen und dann weiter.
Aber scheinbar soll es auch das nicht sein. Der Kaffee zwischendurch will nicht mit mir verbracht werden. Versucht hab ich es auch nicht wirklich.
Und die Menschen, die mich nicht durchschauen? Ebenfalls erfolglos. Bestenfalls traue ich mich nicht einmal sie nach einem Kaffee zu fragen.
~
Es bleibt das Internet. Ein paar oberflächliche Chatgespräche. Mir geht’s okay. Viel zu tun. Keine Details.
Im Internet finde ich vor allem eine wieder: die Magersucht (wie oft ich dieses Suchwort nun wohl schon eingegeben habe?). Betroffenengeschichten, Reportagen, Informationsseiten, Bilder, Foren. Kenne ich alles schon. Ja, auswendig.
Dann das Suchwort: Pro Ana. Ich werde schnell fündig. Grabe mich durch Blogs von sterbenden Mädchen, aber auch von Mädchen die Ana noch gar nicht kennengelernt haben, „nur“ abnehmen wollen. Bald ist mein Kopf voll von Thinspiration und Gewichtstagebüchern, von Thinlines und Ana-Rezepten. Der Weg in ein Forum ist für die ehemalige Nutzerin schnell gefunden. In meinem Essenstagebuch lüge ich. Das Gewicht, das ich angegeben habe stimmt auch nicht. Die ermutigenden Kommentare der anderen Nutzerinnen finde ich höchstens lächerlich.
Ich lese Anas Briefe und esse dabei.. Avocado, eingelegte Knoblauchzehen. Brote, Tomate, Tortellini mit Gemüse, Sprühsahne, Pudding, … den ganzen restlichen Tag über mache ich das. Irgendwann ist der Kühlschrank leer. Rebellion. (Heimlich sehne ich mich nach jemandem, der diese Rebellion bricht.)
~
Die Gedankenkreise bringen mich irgendwann auf einen wiederkehrenden Wunsch: Jemand soll bemerken wie krank ich bin und mich dahin tragen wo sie mir helfen. Wo sie mir helfen ohne etwas von mir zu fordern.
„Wenn ich drogenabhängig wäre. Wenn ich Krebs hätte. Wenn ich blass wäre mit dunklen Augenrändern. Wenn ich ganz, ganz dünn wäre. Das wäre etwas anderes. Dann hätte ich Anspruch auf Hilfe. Dann würde jemand SEHEN. So sieht mich niemand. Niemand versteht, wie drogenabhängig, krebskrank, blass, augengerändert und dünn ich innerlich bin.“
Ich suche nach dem BMI ab dem von einer lebensgefährlichen Verfassung auszugehen ist: 12 ist die magische Zahl. Mein BMI lässt „nur“ von ernsthaften Folgesschäden ausgehen. Folgeschäden die irgendwann kommen. Vielleicht in zehn Jahren.
Und da stehe ich wieder zwischen Ihr und der Rebellion. Ihr und Mir.
~
~
Was mir jetzt gut tun würde? Ein Mensch, der mich versteht, mit dem ich es zärtlich gemeinsam durchstehen könnte. Ein Mensch, dem ich mit Ihr in meinem Kopf nicht schaden kann.

Vielleicht kann das nur ich selbst sein.