Archiv der Kategorie 'Magersucht und Psychiatrie'

Auf Stelzen gehen (2)

„Wenn ich drogenabhängig wäre. Wenn ich Krebs hätte. Wenn ich blass wäre mit dunklen Augenrändern. Wenn ich ganz, ganz dünn wäre. Das wäre etwas anderes. Dann hätte ich Anspruch auf Hilfe. Dann würde jemand SEHEN. So sieht mich niemand. Niemand versteht, wie drogenabhängig, krebskrank, blass, augengerändert und dünn ich innerlich bin.“

Auf Stelzen gehen (1)

„Als ich 17 war, begann ich zu sterben, mit 19 hatte ich es fast geschafft. Ich bin noch einmal umgekehrt. Warum? Vielleicht weil jemand mir gesagt hat, dass es sich nicht gehört, so zu sterben. Vielleicht weil ich doch auf einmal Angst bekommen habe. Vielleicht weil ich an einen Ort gekommen war, wo man mich nicht in Ruhe sterben ließ. Vielleicht aber auch, weil ich endlich einmal ausprobieren wollte, was denn das andere ist, wie es sich anfühlt, was es wohl für eine Erfahrung ist. Das, was ich noch niemals versucht hatte, von dem ich keine Ahnung hatte, wie es ging: Leben.“

Klapsentagebuch – Woche 2

„Wenn jemand sie berührt, tut es ihr weh. Vor Scham kann sie nicht mehr wachsen. Sie kann nur Angst haben vor den schrecklichen Dingen, die passieren werden, wenn sie redet.“

12. April 2010

Wiegen. 500 – 600g zugenommen. Panik, Aggression, Hilflosigkeit. Ich will das Essen durch den ganzen Raum werfen, den Spiegel und das Bushaltestellenschild eintreten.
Meine Zimmernachbarin ist für mich da und die Pflegerin kümmert sich um ein Beruhigungsmittel.
Nach dem Duschen – krass, dass ich das überhaupt geschafft habe – geht es mir besser.
Die Unruhe in mir verschwindet nicht, aber irgendwie wird mein Körper ruhig. Ich kann mir ein wenig Gutes tun.
Schreien würde ich immernoch gerne…
NIEMAND SOLL MICH ANFASSEN! NIEMAND SOLL MICH SEHEN! Wenn ich zunehme sehen sie mich wieder. Dann werden sie mich wieder wie ein Stück Dreck gebrauchen und wegwerfen – so denke ich in meinem Trauma. Ich bin gefangen.
Ich will jemanden finden, der nicht „das“ tut. Aber kann ich jemanden finden wenn ich schon erwarte, dass mir immer wieder genau „das“ passiert?
„Lern erstmal für dich allein hier zu sein, Paula“, höre ich meine innere Stimme leise sagen. Ich muss ihr glauben, dass ich es lernen und verarbeiten kann. Ich will ihr glauben – irgendwann.

LASS DIE ZEIT EINFACH MAL STILL STEHEN!
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Liebe Magersucht,

zuerst will ich dir danken, dass du immer für mich da warst. Du hast mir geholfen, mich vor den Erinnerungen, die ich nicht ertragen konnte, zu schützen. Du hast mir dabei geholfen Kind zu bleiben und nicht die Frau sein zu müssen, vor deren Weiblichkeit ich mich fürchte. Du hast mich davor bewahrt dick zu werden. Du hast meinen Alltag strukturiert und vorgegeben was geht und was nicht. Vielmehr aber hast du mich zerstört!
Nie konnte ich dünn genug sein für dich, nie schön genug. Du hast mich geschwächt, mich gezwungen die Schule abzubrechen, mich von geliebten und „normalen“, alltäglichen Tätigkeiten abgehalten. Wegen dir habe ich starke Rückenprobleme, wegen dir wird mir Tag für Tag schlecht. Meine Haut hast du vertrocknet und gebleicht. Du hast verhindert, dass ich eine starke Frau werden kann.
Ich kann mich nicht mehr lieben, begreifst du das?
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Klapsentagebuch – Woche 1

7. April 2010

Ich fühle mich befreit. Befreit von all der Scheiße, die mir da zu Hause immer wieder auflauert.
Hier bin ich nur ich. Nein, ich bin auch die kranke Paula, die Magersucht. Aber bin das denn nicht ich? Ich lerne hier mit ihr Schritt zu halten. Das wird schmerzhaft sein. Es wird lange dauern – vielleicht sehr lange, aber da ist dieser Traum. Der Traum, das starke Mädchen, die starke Frau zu sein, die da tief in mir drin schlummert.

Es tut gut zu wissen, dass auch F. hier ist. Es ist unser Geheimnis, dass wir uns bereits kennen, unsere Affäre. Spannend irgendwie. Eine Mitpatientin hat F. gefragt, ob ich (die Neue von ihrer Station) denn nicht was für ihn sei – wir haben gelacht.
Erstmal sind wir jede_r für uns hier.

Sie finden mich schön. Es tut gut, wie eindrucksvoll meine Zimmernachbarin mir das nahelegt. Ich mag sie.
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Panik und Angst.

In knappen 5 Stunden soll ich in der Klinik sein – Aaaaaaaaaaaaaaangst!
Wenn die anderen mich nicht bringen würden und ich es nicht groß angekündigt hätte, würde ich jetzt sicher einen Rückzieher machen.
Das wird alles kein Spaß, kein Urlaub – kein Sommer, wie er sein sollte.
Naja… Hoffnung und so.
Spätestens im August kann ich mehr sagen.

Psychiatrie. Weinen. Bluten. Kotzen. Leben?

Paula: ich bin mal wieder am abrutschen. aber vllt hast du recht: es muss sein, damit ich in die klinik gehe..

Lila: „man soll sich an den kleinen Dingen im Leben erfreuen“
aber „lass dich von solchen Kleinigkeiten doch nicht fertig machen“ja so ist das….
ICH KÖNNTE KOTZEN
meine erkenntnis des tages. grrr

Paula: waaaaa… wer sagt denn sowas?? :-! kleinigkeiten blablabla.. was nützen mir denn kleinigkeiten, wenn mein ganzes scheiß leben ein einziger abfuck ist??

Lila: ja eben!!!! genau das ist es ja. alle sagen dir immer man muss auch mal die kleinen sachen im leben schätzen und bla bla bla . aber den schlimmen sachen soll man keien bedeutung schenken. das ist doch mal wieder typisch. grrrr.

Paula: ggafhgsäojjjj

Lila: genau das

Paula: ich hasse menschen. sie malen sich das leben schön. warum will denn niemand die wahrheit sehen? warum muss ich mir die birne zusaufen, damit ich hier klarkomme? warum kann ich nicht auf partys gehen, wenn ich weine? warum warum warum..

Lila: manchmal habe ich das gefühl dass das einzige was wir machen können ist, dass wir unser gehirn abschlaten. irgendwie habe ich angst dass genau das in der klapse passiert.

Paula: ja, ich auch. ich hab mich wieder geritzt…

Lila: weißt du.. ich denke immer, ja mein leben ist eine einzige scheiße… aber zumindest ist es ja noch mein leben..
was war der anlass?
und ich habe angst dass ich als polly pocket zurück komme

Paula: es ist das einzige was wir haben – dieses leben.
alles gerade. dass ich krank bin. meine unordnung. dass ich kein geld hab. dass ich mich nicht geliebt fühle. … ich will nur noch in ner ecke liegen und weinen…

Lila: vielleicht kannst du es ja bald.

Paula: ich glaube nicht, dass wir als polly pocket zurückkommen. natürlich wird sich etwas ändern, aber so schnell zerstören sie uns nicht.

Lila: weinen weinen weinen weinen weinen weinen….. und loslassen..

Paula: vielleicht. :/ ich hab angst dass das nicht passiert sondern ich mich nur in deren stigmas anpasse und einen öden scheiß stumpfen alltag lebe. dass ich eben nicht wirklich aufarbeite.

Lila: ja noch schlimmer. ja. sondern nur anders lerne zu verdrängen. aber ich denke dass das nicht passiert. ich meien… es kann ja quasi nur besser werden oder? und eigentlich ist es auch egal wie wir da rauskommen.. ich glaube irgendwo auch nicht dass man einen menschen so verändern kann. und es gibt ja auch noch menschen die wissen wer du bist.
und woher wollen wir wissen dass das was wir jetzt sind wirklich wir sind? sind es nicht nur abblilder von dem was man uns angetan hat? „unsere körper sind eure leinwand“ es wird zeit dass es unsere werden

Paula: ja! mich macht das gerade alles total fertig. aber ich habe mut und kraft und hoffnung.

Lila: ja. das ist gut. das sind dinge die du verdammt brauchst. und die dein ganzes leben lang da waren. aber ich finde es wird nun zeit für uns nicht mehr nur zu überleben sondern zu leben!

Esstörung als Überlebensstrategie

Was ihr von mir wollt, das kotzt mich an
Bulimie als weibliche Überlebensstrategie – eine Gratwanderung zwischen Verweigerung und Anpassung
Joana Rivas

Seit Mitte der 80er Jahre boomt in den westlichen Industriemetropolen die Essstörung Bulimie, die davor weder ein gesellschaftliches noch in fachpsychologischen Diskussionen ein nennenswertes Thema gewesen war. Die Betroffenen sind zum großen Teil Frauen und ihre Anzahl steigt mit zunehmender Tendenz. Diese Form des gestörten Essverhaltens steht im Kontext sich verändernder Leitbilder und Anforderungen an Frauen. Sie ist eine mögliche Überlebensstrategie gegen Normierungsdruck und struktureller (sexualisierter) Gewalt und sollte Konsequenzen für linke Politik haben.
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I need you to know, I‘m not through the night. Some days I‘m still fighting to walk towards the light…

I told another lie today and I got through this day – No one saw through my games…

Heute habe ich eingekauft. Nur verbotene Lebensmittel. Mit einer groszen Einkaufstüte in der Hand habe ich den Laden verlassen. Ich habe mich geschämt. Alle mussten sehen, dass ich angespannt, nervös war. Alle mussten wissen, dass diese Lebensmittel verboten waren. Allen musste klar sein, dass ich krank bin! Vielleicht habe ich mich auch wieder ein wenig gebadet in dem Wissen, dass ich bereits zerstört bin.

Zu Hause konnte ich nicht wie sonst warten bis ich die Kalorien gezählt hatte. Ich habe einfach nur noch gefressen. Am Anfang langsam dann immer schneller und schneller. Ich habe nur noch gestopft. Wie in Trance.
Nach einem Viertel der gekauften Lebensmittel rannte ich auf’s Klo. Alles musste raus. (Da ich nicht regelmäszig kotze ist es sehr anstrengend und laut.)
Zum Glück war niemand auszer mir zu Hause. Niemandem würde ich erzählen, dass ich gekotzt habe, da war ich mir sicher. Lieber wollte ich mich und alle anderen belügen. Sie würden sich vor mir ekeln, mich hassen. Sie würden sehen wie fett ich geworden war.
Den Rest der Lebensmittel asz ich langsamer. Kotzen musste ich trotzdem.

Mir war so kotzübel. Ich weisz nicht, wie lange ich nun hungern muss um das wieder gut zu machen und ich weisz nicht wie lange ich hungern kann. Mein Körper ist ausgelaugt, verhungert. Er ist noch immer randvoll mit dieser Scheisze, aber wenn ich fresse und kotze, habe ich das Gefühl ein Teil davon würde mit herauskommen. Manchmal blute ich, wenn ich kotze. Das ersetzt das Ritzen. Und so meine Tränen, die ich nicht mehr weinen kann.

Lila habe ich es dann doch erzählt. Niemand sonst dürfte es wissen. Ich habe zu viel Angst um es zu erzählen. Vor Lila habe ich keine Angst.

You should know: you‘re not on your own. These secrets are walls that keep us alone. I don‘t know when but I know now: Together we‘ll make it through somehow