„Was wirklich zählt, ist nicht, dass man stirbt, sondern, was man in diesem Moment tut. Renée, was haben Sie in dem Moment getan, als Sie starben? – Sie waren bereit zu lieben.“ [Paloma in „Die Eleganz der Madame Michel“]

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ [aus: Anna Karenina von Leo Tolstoi]

Das Flusensieb.

Nachdem ich festgestellt hatte, dass meine Waschmaschine nicht mehr sauber wusch, leerte ich das Flusensieb aus. Ich hockte vor dem Klo und pulte mühselig die ekelhaft glibbrigen dunkelgrauen Flusen aus dem Sieb. Die klebten und hakten im Sieb. Ich hielt es unter das Waschbecken und spülte und pulte und schrubbte weiter. Irgendwann waren da keine Flusen mehr, kein Glibber, kein Ekel. Aber das Sieb – das einmal weisz war – hatte eine gräulich gelbe Farbe angenommen. Die Waschgänge hatten ihre Spuren hinterlassen. Und plötzlich wusste ich, warum mich diese Prozedur so fanszinierte, so gebannt hielt: Ich bin ein Flusensieb. Menschen sind Flusensiebe.

Ich bin keine Kurzgeschichte. Ich bin ein Roman.

Vergeltung.

Die weißen Wände. Die weiße Bettdecke. Das weiße Kissen. Seine Haut. Ihre weiße Haut und ihr weißes Kleid. – Blutüberströmt.

Das Messer hatten die Erinnerungen tagtäglich Jahre lang geschliffen. Es sollte ihn zerfetzen, wie er sie zerfetzt hatte. In Stücke, die nie wieder ihren Weg zueinander finden konnten ohne Narben zu hinterlassen. Narben, derer es aufzureißen nicht viel vermochte.

Die weißen Wände. Die weiße Bettdecke. Das weiße Kissen. Seine Haut. Ihre weiße Haut und ihr weißes Kleid. – Blutüberströmt.

Das Messer – matt glänzend rot.

Abgeschminkt?

„Hey Paula, wie geht es dir?“, fragt er mich. Erwartet er eine ehrliche Antwort? Erwartet er, dass ich mir wirklich wieder überlege wie es mir geht? Erwartet er, dass ich mich auskotze? Die Kotze würde über sie alle schwallern, wenn ich nur meinen Mund aufmachte und die Wahrheit verkündete.
„Passt schon“, antworte ich – so wie ich es gewohnt bin. Er wird es nicht hinterfragen, nicht durchschauen. Ich werde nicht kotzen müssen.
„Du siehst nicht gut aus. Dünner als sonst. Das ist nicht gut. Irgendwie mache ich mir Sorgen um dich. Geht alles in Ordnung?“ – Scheinbar meint er es doch ernster als ich vermutet hatte. Ich fühle mich angegriffen. Nein, meine Fassade fühlt sich angegriffen.
Aber ich lasse mich nicht abschminken!
Ich beruhige ihn damit, dass ich mein Gewicht seit einiger Zeit halte und dass ich regelmäßig Nahrung zu mir nehme. Solange ich esse ist doch alles in Ordnung.
Oder?

Vergiss bitte nicht…

…dass ich, trotz meines Klinikaufenthaltes und trotz meiner Bemühungen um ein normales Essverhalten und einen „normalen“ Alltag, immernoch magersüchtig bin. Ich bin zwar wieder mehr Paula als „die Magersüchtige“, aber das ändert nichts daran, dass ich eben noch magersüchtig bin.
Vielleicht hast du ja bemerkt, dass ich zickig werde oder mir Geschichten ausdenke, wenn du etwas von meinem Essen haben willst, statt einfach zu sagen: „Nein, das ist eine richtige Portion und die muss ich jetzt auch essen. Ich habe mir das genau eingeteilt und überlegt.“
Vielleicht hast du bemerkt, dass ich manchmal schlecht gelaunt bin und weine, auch wenn ich meine Lieblingskleider trage, statt mich darüber zu freuen, dass ich mich schön gemacht habe.
Vielleicht hast du bemerkt, dass ich die Schönheit von Menschen oft nurnoch nach ihrem Gewicht beurteile, anstatt sie mir genau anzuschauen.
Vielleicht hast du bemerkt, dass ich noch magersüchtig bin. Vielleicht hast du es schon vergessen….

Mach mich nicht kaputt!

Er/sie gibt es nicht auf, mir immer wieder diese Schmerzen zuzufügen. Zack … er rammt mir das für ihn bestimmte Messer in die Brust. Ich lerne wieder glücklich zu sein. Ich habe einen Menschen, den ich nach Jahren endlich wirklich aus freiem Willen an mich heran lassen kann. Ich kann die Schmerzen immer wieder mit guten Momenten ausgleichen und dann… Lisa schafft es wohl doch noch mich ganz zu zerstören.

Zwei sms erwarten mich als ich aus der Badewanne komme: „Hast wohl gelernt wie wichtig mein schweigen für dich ist.“ und dann: „Scham, angst, schuldgefühl, der drang zu vergeben, ekel, selbsthass, schande, nicht angefasst werden können, schweigen, alles mit sich machen lassen, isolation… Na? Kennst du das irgendwoher?“
Erst ist da nur Unverständnis meinerseits, dann kommt die Erinnerung, der Schmerz. Ich will weinen, weinen, weinen. Aber es geht nicht. Ich habe zu viele Tränen für/wegen Lisa geweint. Sie verkochen in meiner Wut und brennen sich ein.
Wie kann dieser Mensch so .. mir fällt kein Wort dafür ein… so ekelhaft, so zerstörungswütig, so hasserfüllt, so krank sein?

Während ich hier schreibe kommt die nächste sms: „Fällt dir nicht ein woher du das kennst? Soll ich dir auf die Sprünge helfen?“
Ich antworte: „Willst du mir nochmal den Schmerz meiner Vergewaltigungen richtig schön ins Gedächtnis holen, oder was geht bei dir ab?“
Und wieder eine sms von Lisa: „du bist so selbstgerecht wie eh und je… das hat jetzt sogar meine erwartungen weit übertroffen.“

Ich muss an dieser Stelle abbrechen… Ich bin sprachlos und zerstört.

Allein sein – Fehlanzeige

Tja. in einem Punkt hat auch die (abgebrochene) Therapie nicht geholfen: Ich kann einfach immernoch nicht allein sein.
Er muss nur einen Abend weg sein – und schon wird es schwierig. Und anstatt jemanden darum zu bitten bei mir zu bleiben (Paul -mein bester Freund- oder x hätten das sicher gemacht), suhle ich mich lieber in meinem Leid und belaste damit womöglich noch denjenigen, den ich am wenigsten belasten will.
Auch Lila hat sich gemeldet und wollte was mit mir machen, aber ich war wieder nicht in der Lage etwas mit ihr zu verabreden.

Nun übermannen mich diese Gefühle – Einsamkeit, Orientierungslosigkeit, Angst. Und ich will verdammt nochmal nicht lernen damit zu leben. Warum?

Auch wieder nur ein Arschloch

Wenn ich „Stop“ sagte, machte er weiter, erst wenn ich ihn anschrie hat er aufgehört. Wenn ich allein unterwegs war und Zeit mit meinen Freund_innen verbrachte warf er mir vor, dass ich mich nicht melden würde – seine Ex-Freundin würde sich schließlich auch melden. „Seine Frau“ müsse alles für ihn machen, da er ja auch alles für sie täte, erzählte er mir überzeugt. Die erste Frage am Telefon war, ob ich ihn betrogen hätte. ..und und und. Keine Beziehung mit der ich es zu Leben vermochte. Stress pur.
Dabei dachte ich, er sei der kuhlste Typ überhaupt – so kann man sich täuschen. Meine Theorie, dass Macker im Bett nicht die Mächtigen spielen müssen hat sich damit wohl auch erledigt. -.-

Übrigens kann ich diesmal aber besser damit umgehen. Kein Hungerstreik, keine Selbstverletzung, … einfach nur vorbei.